Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Symposium über "Die Menschenrechte im interreligiösen Dialog"
Nachrichten Kultur Symposium über "Die Menschenrechte im interreligiösen Dialog"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:46 25.10.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Symposion des Forschungsforums "Religion im kulturellen Kontext" im Kesselhaus der Leibniz Universität Hannover: Peter Antes, Rosalind Hackett, Harry Noormann, Wenchao Li und Friedrich Johannsen begaben sich auf die Suche nach Möglichkeiten des Dialogs.
Symposion des Forschungsforums "Religion im kulturellen Kontext" im Kesselhaus der Leibniz Universität Hannover. Quelle: Kristoffer Finn
Anzeige

Es könnte noch schlechter stehen um die Menschenrechte: Als Prinzipien sind sie ja weltweit akzeptiert, zumindest in offiziellen Erklärungen. Freilich hat jedes Prinzip die Eigenschaft eines Chamäleons: Es passt sich der jeweiligen gesellschaftlichen Umgebung an. Das „Differenzbewusstsein“, von dem der hannoversche Theologe Harry Noormann sprach, ist auf dem Symposium „Die Menschenrechte im interreligiösen Dialog – Konflikt oder Integrationspotential?“ jedenfalls geschärft worden. Veranstaltet wurde die Tagung vom interdisziplinär arbeitenden Forschungsforum „Religion im kulturellen Kontext“ an der hannoverschen Leibniz Universität.

Dabei ist das Bedürfnis nach einer übersichtlichen, weniger differenzierten Schlachtordnung in den Kulturkämpfen verbreitet. Weshalb in der Integrationsdebatte hierzulande eine „christlich-­jüdische“ Tra­dition für die Menschenrechte verantwortlich gemacht wird. Viele christliche Theologen, so auch Veranstaltungsleiter Friedrich Johannsen und der evangelische Pfarrer und Theologe Wolfgang Vögele, verdeutlichten dagegen, wie schwer sich die christlichen Kirchen noch vor Jahrzehnten mit den Menschenrechten taten.

Ein Bekenntnis zu den Grundrechten, das auch die Abwehr von Diskriminierung von Frauen oder sexuellen Minderheiten einschließt, ist aber keineswegs Konsens unter Christen. Das bestätigte das Referat von Hieromonk Philip vom Außenamt des Patriarchats in Moskau. Er betonte, dass die Menschenrechte den Werten der Tradition nicht entgegengestellt werden dürften. Er reklamierte das Recht, Homosexualität zu verurteilen – als Ausdruck von Religionsfreiheit. Die Meinungsfreiheit dürfe zudem nicht die Beleidigung von Religionen und damit der Gefühle der Gläubigen einschließen, weshalb er das Verbot von religionsfeindlicher Kunst, wie es vor Monaten in Moskau verhängt wurde, rechtfertigte. Sonst würden die Rechte der Mehrheit beschnitten, und er gab den Vorwurf der Intoleranz an Religionsfeinde und Säkularisten zurück.

Eine Pointe der Veranstaltung war es, dass auf ihn ein liberaler Muslim folgte, der in Osnabrück am Aufbau der islamischen Studiengänge beteiligt ist: Al Hassan Diaw. Dass sein Vortrag den Teilnehmern näher war, lag nicht nur an dessen geschmeidigem Österreichisch, das das russische Englisch seines Vorredners ablöste, sondern an der These, dass der Islam sehr wohl mit den Grundsätzen unserer bundesdeutschen Verfassung übereinstimmen kann. Dabei gab er eine Skizze über unterschiedliche islamische Strömungen, die vor allem deren Vielfalt betonte.

Diese Konfrontation eines traditionalistischen Christen und eines liberalen Muslim machte noch einmal deutlich, dass das Menschenrechtsverständnis nicht nur von der jeweiligen Interpretation einer Religion abhängt, sondern dem kulturellen Umfeld, in dem die Gläubigen leben.

Dass allein schon Dialogbereitschaft einen Eigenwert hat, zeigte der Beitrag der amerikanischen Religionswissenschaftlerin Rosalind Hackett. Sie beschrieb, wie die modernen Medien die Konkurrenz auf dem religiösen Markt anheizen – etwa in Nigeria, wo die Anteile der Christen und Muslime etwa gleich groß sind. Dabei spielen Endkampfphan­tasien eine Rolle, wenn die einen zum Kreuzzug, die anderen zum Dschihad aufrufen.

Wie schwer aber eine Verständigung selbst bei gutem Willen ist, erläuterte der Leibnizprofessor Wenchao Li. Es sei nicht sicher, ob Chinesen und Europäer dasselbe meinen, wenn sie gemeinsam über Menschenrechte sprechen. Begriffe wie Menschenrechte, Philosophie und Religion seien Neologismen in China, die erst einmal mit der eigenen Tradition abgeglichen werden müssen. Bei der Definition von Menschenrechten werden andere Schwerpunkte gesetzt: Das Kollektiv steht vor dem Individuum, die Pflichten vor den Rechten. Das konfuzianische Denken, das den Menschen nicht als Individuum, sondern als Beziehungswesen definiert, das etwa seine Rollen als Vater, Sohn oder Beamter erfüllen muss, sei fest verankert – aber, so vermutet er, die sozioökonomische Entwicklung könnte die Bindungen lockern.

Zwei Aspekte müssen, so wurde in der Diskussion deutlich, alle beachten, die diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog führen. Die konfliktreiche „Prozesshaftigkeit“ (Li), mit der sich die Integration der Menschenrechtskategorien in die unterschiedlichen Kulturen vollzieht. Und die Auffassung vieler arabischer oder asiatischer Dialogpartner, dass die Menschenrechte, wie wir sie verstehen, eben nicht universell, sondern eine Erfindung des Westens seien – oder sogar Mittel seiner Machtpolitik.

Es bedarf vonseiten westlicher Dialogpartner zweier christlicher Tugenden, die sich ins Säkulare übersetzen lassen: Demut und Geduld, also kritische Selbstreflexion und das Wissen, dass sich Mentalitäten und Normen langsam, über Generationen wandeln. Wer den Dialog mit der Arroganz der Avantgarde führen will, die die andern als Nachzügler von oben herab belehrt, findet keinen Gesprächspartner.