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Kultur Zugedröhnte Insulaner
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10:40 26.03.2015
Von Stefan Stosch
Wodka satt: Robert (Tom Schilling) und sein Kumpel Schwarz (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) im Berliner Nachtleben.
Wodka satt: Robert (Tom Schilling) und sein Kumpel Schwarz (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) im Berliner Nachtleben. Quelle: Nik Konietzny/ X-Verleih
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Berlin

In einer dieser Nächte voll dröhnender Musik, mit Wodka bis zum Abwinken und Currywurst satt fragt Robert (Tom Schilling) ungläubig: „Was, du fährst immer noch nach Westdeutschland? Steht das denn überhaupt noch?“ Und sein schwuler Neonazi-Kumpel Gries (Frederick Lau) antwortet entschuldigend, er brauche schließlich auch mal ein bisschen Pause vom vielen Ficken.

Trefflicher lässt sich die Perspektive der Protagonisten in Oskar Roehlers Berlin-Film „Tod den Hippies - Es lebe der Punk“ kaum beschreiben: West-Berlin, die eingemauerte Stadt, ist sich Anfang der Achtzigerjahre selbst genug. Ihre Insellage wird von ihren Bewohnern weniger als Freilauf-Gefängnis denn als geschütztes Reservat begriffen.

Karriereversessenheit, Leistungsdenken, Zwangsoptimismus

Komische Käuze, Lebenskünstler und Kriegsdienstverweigerer werden zuhauf in der Stadt angeschwemmt, und die meisten Insulaner gedeihen prächtig in diesem Soziotop mit Außenklo und Hinterhof. Jeder findet seine Nische und auch sein Auskommen. Schließlich alimentiert das sonst so ferne Westdeutschland ja großzügig die exotische Spielwiese, die erst mit der Öffnung des Brandenburger Tores knapp ein Jahrzehnt später abrupt geschlossen wird.

Der 1959 geborene Regisseur und Drehbuchautor Roehler erinnert sich offenbar gern an diese am eigenen Leibe erfahrene Kuschelzeit. Karriereversessenheit, Leistungsdenken, Zwangsoptimismus: Was heute den Alltag im Turbokapitalismus ausmacht, spielte damals keine Rolle. Er selbst sei als „existenzialistischer Snob mit weißem Hemd, schwarzem Anzug und schmaler Krawatte“ in Berlin unterwegs gewesen, sagt Roehler. Da kriecht schnell Nostalgie in die Bilder, egal, wie schmutzig und ekelhaft er auch filmt - szenenweise auch in Schwarz-Weiß.

„Eine Insel voller Drogensüchtiger und Wahnsinniger“ nennt Roehler Berlin im Rückblick. Und genau so, wie im Rausch und auf Droge, will er Berlin im Film und auch im dazugehörigen Buch („Mein Leben als Affenarsch“, Ullstein Verlag) zeigen. Er schickt Robert, knapp 20 und frisch versehen mit Irokesenschnitt, aus der miefigen westdeutschen Provinz in die Mauerstadt - von den laschen Hippies im Lehrerzimmer zu den schrillen Punks im Kiez.

Robert landet in der Peepshow seines alten Kumpels (Wilson Gonzalez Ochsenknecht), muss das Kundensperma aus den Wichskabinen wischen und die Verpflegung des ausgehungerten weiblichen Personals mit Schweinebraten und Currywurst sicherstellen.

Aber egal, da sind ja auch die niemals endenden Clubbesuche mit Helden der Nacht wie Blixa Bargeld und Nick Cave. Irgendwann steht ein schweigender Rainer Werner Fassbinder wie ein sedierter Obermafioso in der Gegend herum, eskortiert von einem Trupp Jünglingen in schwarzer Lederkluft, die nichts mehr fürchten als den Zorn des Meisters. Spätestens da stellt sich beim Zuschauer die Erkenntnis ein, dass hier vornehmlich Witzfiguren versammelt sind.

Demonstrative Locker- und Frechheit

Roehler setzt so sehr auf Trash und Klamotte, dass es ihm nicht gelingen will, seinen Charakteren Seele einzuhauchen. Auch Roberts Liebesgeschichte mit der drogensüchtigen Stripperin Sanja (Emilia Schüle) bleibt Behauptung. Nebenbei strickt Roehler - wie schon von ihm gewohnt - autobiografische Bezüge in die Geschichte ein. Bei Roberts Muttermonster Gisela (Hannelore Hoger) denkt man sogleich an die Schriftstellerin Gisela Elsner - Roehlers eigene Mutter, die ihn verließ, als er noch ein kleines Kind war.

Schon immer wollte sich Roehler absetzen vom deutschen Konsenskino. Er begann als Drehbuchschreiber für Christoph Schlingensief, brillierte als Regisseur mit einem Porträt seiner Mutter in „Die Unberührbare“, spürte seiner Biografie in „Quellen des Lebens“ nach, versuchte sich an Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“. Und er drehte das Drama „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ über die Verführbarkeit der Künstler, in dem er auch schon oberflächlichen Klamauk mit böser Komik verwechselte.

Hier nutzen demonstrative Locker- und Frechheit wenig: Das Karikaturenkabinett in „Tod den Hippies“ ist harmloser, als es dem Regisseur lieb sein kann.

Tod den Hippies - Es lebe der Punk!, Regie: Oskar Roehler, 104 Minuten, FSK 16 Kino am Raschplatz

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