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Kultur „Tod und Wiederauferstehung ...“ am Schauspiel
Nachrichten Kultur „Tod und Wiederauferstehung ...“ am Schauspiel
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06:15 19.09.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Bank-Manager: Hagen Oechel. Quelle: Ribbe
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Hannover

Der Held ist ein ehemaliger Bankmanager. Er hat seinen Arbeitgeber, die Deutsche Bank, um 4,3 Millionen Euro betrogen, er hat sein Haus verkauft und sich von seiner Frau getrennt. Er ist in ein Mietshaus (Inheidener Str. 71 in Frankfurt am Main: 20 Etagen, 200 Wohnungen) gezogen. Er hat ein Magenproblem, er spuckt Blut. Er will die Welt ändern.

Von dem Bankmenschen, der radikal aussteigt (aus seinem Leben, der Welt, dem System), erzählt der junge, hochgelobte, vielfach ausgezeichnete Theaterautor Nis-Momme Stockmann in seinem neuen Stück „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“. Stockmann ist zwar Hausautor am Schauspiel Frankfurt; uraufgeführt wurde sein neues Stück aber am Schauspiel Hannover. Regie führte Intendant Lars-Ole Walburg. Es stand schon einmal auf dem Spielplan, doch der Premierentermin musste verschoben werden, die Bändigung der Textmasse schien Zeit zu brauchen. Nun ist es in Hannover das Stück zur Spielzeiteröffnung – der Spielzeit, in die auch die Verhandlungen um die Verlängerung des Intendantenvertrags fallen. Die Erwartungen der Zuschauer waren hoch.

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Ganz gefüllt war das Theater zur Spielzeiteröffnung allerdings nicht. Vielleicht sind die Erwartungen der Stadtgesellschaft an das Theater nicht mehr so, wie sie früher einmal waren. Vielleicht aber wirkte auch nur die Ankündigung „Spieldauer ca. 5 Stunden, zwei Pausen (inkl. Imbiss)!“abschreckend.

Doch wer sich davon abschrecken ließ, hat etwas verpasst.

„Tod und Wiederauferstehung ….“ ist ein großes Stück, und Lars-Ole Walburg hat daraus großes und trotzdem stellenweise federleichtes, wundersam schwebendes Theater gemacht. Der Abend dauert wie angekündigt fünf Stunden, aber er ist kaum je ermüdend, sondern sehr unterhaltsam. Das liegt vor allem daran, dass die Spielformen einander munter abwechseln. Da gibt es Kammerspiel und Komödie, Revue und Fernsehshow, Melodram und Musical, Chorisches und Kabarettistisches. Alles folgt einander Schlag auf Schlag; fast scheint es als dominiere das chorische Sprechen, in dem die Kritik am Kapitalismus, am System, an unserer Trägheit am eindringlichsten artikuliert wird.

Nis-Momme Stockmann gelingt etwas Seltenes: politisches Theater, das belehrt, ohne alles besser zu wissen. Er stellt einfach nur die richtigen Fragen. Und das, auch wenn am Ende der meisten seiner Sätze gar keine Fragezeichen stehen: „Nehmen Sie sich zehn Minuten am Tag Zeit, um über Geld nachzudenken.“ „Wohlstand ist ein Grundrecht.“ „Wachstum ist nur möglich, wenn man irgendwo anders etwas wegnimmt.“ „Jeden Tag verhungern 24 000 Menschen.“ „Bitte mach, dass Glück ohne Wachstum möglich ist.“ „Und er träumt davon, wie er nach etwas greift, nach etwas greift, um es zu zerreißen, und da ist aber nichts außer er selbst“.

Natürlich gibt es hier auch (manchmal) den nervigen Weltverbessererton, Philosophie auf Tresenniveau, nöliges Moralisieren, dummes Verkürzen, wenn etwa von „den Bankern“, „den Politikern“ und ganz allgemein „den Leuten“ die Rede ist. Und natürlich nervt es, wenn Beatrice Frey als „Mann mit dem Turban“ im Tonfall eines Meister Yoda mit jüdischem Akzent gute Ratschläge erteilt.

Das alles steht in der Defizit-Spalte der Bilanz – die unterm Strich allerdings hervorragend ausfällt. Denn in der „Haben“-Spalte stehen fett unterstrichen zwei Worte: Mut und Kunst.

Es ist mutig, den Zuschauern fünf Stunden lang Worte, Worte, Worte (meist aus dem großen Themenkreis Grenzen des Wachstums, Banken, Geld, Kredit, Reichtum, Armut, Moral, Vertrauen, Freiheit) um die Ohren zu hauen und ihnen selbst in den Pausen oder auf der Toilette (hier kommen die Schauspielerstimmen gnädigerweise nur aus dem Lautsprecher) keine Ruhe zu lassen. Das große Thema Stockmanns ist das Übermaß – da darf das Theater ruhig unmäßig sein.

Regisseur Lars-Ole Walburg unternimmt viel, um die grandiose Zumutung, mit der wir es hier zu tun haben, erträglich zu machen, ohne sie inhaltlich abzuschwächen. Dabei hilft ihm nicht nur die elektronische Musik, die das Duo „Les Trucs“ (in einem DJ-Käfig über der Szene schwebend) beisteuert, sondern vor allem seine szenische Phantasie. Die führt zu leicht verqueren, wunderschönen Bildern. Die Tauben, die Hausbesitzer Kaschinsky (schwer unter Dampf: Aljoscha Stadelmann) in den Wahnsinn treiben, sind Kinder, die in Wolken grauer Luftballons eingehüllt sind. Die Bühnenmaschinerie leistet Großes, wobei sinnigerweise manchmal auch das Oben und das Unten vertauscht werden. Angenehm unaufdringlich ist der Videoeinsatz, ab und zu werden Kernsätze Stockmanns auf den Bühnenhintergrund projiziert. Ganz am Anfang zeigt Hagen Oechel, der den ausgebrannten Bankmenschen spielt, worum es geht. Und zwar in allerschönster Einfachheit: Er bläst einen weißen Luftballon so weit auf, dass er platzt. Inflation wörtlich genommen – und: ein Kinderspiel.

Hagen Oechel für die Hauptrolle zu engagieren, war eine sehr gute Entscheidung. Der Schauspieler, der zuvor in Leipzig spielte, und jetzt neu im Ensemble des hannoverschen Schauspiels ist, gibt den Banker als lässigen Schmerzensmann.

Dominik Maringer tritt als agiler Showmaster auf, Susana Fernandes Genebra – feinnervig und fiebrig – als verzweifelte Ehefrau, Juliane Fisch – hintergründig und gefährlich – als junge Frau, die im Keller Sprengstoff hortet. Es sind keine realistischen, filigran ausgearbeiteten Theatercharaktere, sondern Typen. Und in den Chorszenen werden sie zu hocheloquenten Sprechmaschinen.

Manchmal ist die Aufführung reine Wortoper. Nis-Momme Stockmann pflegt einen wunderbaren, sanft insistierenden Tonfall. Seine magisch-manischen Sätze klingen wie Heiner Müller reloaded beim „Supertalent“. Oder wie Brecht im Werbefernsehen. Und sie klingen noch lange nach.
Es ist verrückt, dass ein Dramatiker, der Erfolg so in Frage stellt, so erfolgreich ist. Aber absolut in Ordnung.

Wieder am 23. und am 30. September. Beginn: jeweils um 17 Uhr. Karten: (05 11) 99 99 11 11

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