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Kultur Violinwettbewerb startet ins Halbfinale
Nachrichten Kultur Violinwettbewerb startet ins Halbfinale
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18:49 07.10.2012
Von Rainer Wagner
Eric Silberger, sehr konzentriert. Quelle: Kruszewski
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Hannover

Im Semifinale müssen alle zwölf Teilnehmer ein Stück spielen, das eigens für diesen Zweck komponiert wurde und so seine zwölffache Uraufführung erlebt. Das geht eigentlich nicht, weil es das erste Mal nur einmal geben kann, aber bei solchen oft sperrigen Auftragskompositionen kann man erleben, dass sie immer wieder wie neu klingen.

Die Herausforderung für die jungen Geiger liegt darin, dass es keine Vorgabe, keine Vergleichsmöglichkeit der Interpretation gibt. Jeder steht vor den selben Notenballungen, den gleichen Herausforderungen. Und daran ist in Peter Francesco Marinos Solo „Unentrinnbar“ kein Mangel.

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Der junge Amerikaner Eric Silberger stellte sich dieser Prüfung mit stoischer Haltung und pflügte sich durch die Partitur. Schon die einleitende Forderung „Presto inquieto“ (also: schnell und unruhig) nahm er wenig ernst, ein Ordnungsschema war kaum zu erkennen. Da blieb als Trost nur der Titel des folgenden Stücks: „It ain’t necessarily so“: „Das muss nicht zwingend so sein.“ Warum der Amerikaner allerdings dieses Gershwin-Stück spielt, wenn es so wenig beswingt klingt wie bei ihm, blieb offen.

Dass es auch anders geht, zeigte anschließend die blutjunge Veriko Tchumburidze. Bei ihr tönte das sperrige Marino-Auftragswerk wie ein Stück Folklore aus einer sehr fremden Welt, sie intonierte das „fragile“ wirklich zerbrechlich, suchte nach der verborgenen Sanglichkeit jenseits des „Cantabile“ und ließ das „verlorene“ Ende wirkungsvoll ersterben. Zuvor hatte sie Schubert mit mehr Poesie als Power gespielt, sich später in ein paar Schmonzetten zu viel verloren und wurde von einem übereifrigen Umblätterer, der den Pianisten behinderte, auch noch verunsichert.

Ganz und gar nicht zu verunsichern scheint die zierliche Bomsori Kim zu sein (die einzige von fünf Kims, die weiterkam): Wie stil- und zielsicher sich die Koreanerin in höchst unterschiedlichen Klangwelten bewegt, zeigte sie bei einer durchdachten und subtilen Hindemith-Sonate, der farbenreich und temperamentvoll vorgetragenen ersten Fauré-Sonate, wunderbar gelösten Sibelius-Piecen und Wieniawskis Polonaise de concert, deren „Schmackes“ klug inszeniert wurde. Und dem Marino-Stück kam sie an diesem Nachmittag deutlich am nächsten. Sie nahm die Tempovorschriften am wörtlichsten, zwischen Rhythmusrückungen und dem Kantablen ihren eigenen Weg.

Den suchte auch die Polin Joanna Kreft und kam zu einem ganz anderen Ziel. Bei ihr klang Marinos Opus am Anfang wie Musik zu einem Gruselfilm - man kann das „inquieto“ ja auch mit „ängstlich, nervös“ übersetzen. Kreft brauchte deutlich länger als Kim, sie setzte auf Kraft und Köpfchen. Das waren auch bei Richard Strauss’ Es-Dur-Sonate ihre Mittel gewesen. Wie der 23-jährige Komponist sich selbst und spätere Großtaten vorwegnimmt, ist manchmal geistreich, gelegentlich aber auch geschwätzig. Dauerespressivo hilft da nur bedingt weiter. Und für Franz Waxmans „Carmen“-Phantasie hätte Kreft mehr Bauchgefühl gebraucht - und einen besseren Pianisten.

Aber für alle vier schlägt die halbe Stunde der Wahrheit, wenn sie im zweiten Teil des Semifinales ein Mozart-Konzert ihrer Wahl spielen und dabei ganz ohne Hilfe eines Dirigenten auskommen müssen. Dem „unentrinnbaren“ Solo entkommen auch die restlichen acht Semifinalisten nicht. Und die vielen Zuhörer im Richard-Jakoby-Saal der Musikhochschule auch nicht.

Am Montag beginnt um 14 Uhr die letzte Halbfinalrunde. Um 20 Uhr folgen dann die Mozart-Konzerte. Am Dienstagabend stehen die sechs Finalisten fest.

Stefan Arndt 07.10.2012
07.10.2012