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Kultur Von der Bedeutsamkeit der Dinge
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18:31 25.10.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
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Hannover

Ist nicht vielleicht alles ganz sinnlos? Das ist eine sehr sinnvolle Frage. Man sollte sie sich öfter mal stellen. Zum Beispiel im Theater. Das bietet mit Stücken von Shakespeare („Hamlet“), Goethe („Faust“), Beckett („Warten auf Godot“) und vielen anderen zwar schon reichlich Stoff für Sinn- und Bedeutungssuchende, hat aber immer noch Platz für neue Sinnsuchgeschichten.

Eine kommt aus Dänemark. Die Autorin Janne Teller präsentiert in ihrer Parabel „Nichts“ ein paar jugendliche Bedeutungssucher. Sie beschreibt eine Gruppe Siebtklässler aus einer öden Kleinstadt. Einer von ihnen meint, dass im Grunde alles ohne Bedeutung sei; die anderen versuchen ihm zu zeigen, dass es durchaus Bedeutungsvolles gibt und bauen einen „Berg der Bedeutung“. Dort opfern sie, was ihnen lieb und teuer ist: grüne Sandalen, ein nagelneues Fahrrad, die Unschuld, den Kopf eines Hundes, ein Kruzifix und sogar einen Zeigefinger. Im Grunde veranstalten die Jugendlichen, denen Schule gar nicht viel bedeutet, hier ein großes pädagogisches Programm für ihren Mitschüler.

Und das ist nicht die einzige Merkwürdigkeit des Romans. Auch, dass die Schüler meinen, Bedeutung zu schaffen, indem sie sich von dem verabschieden, was ihnen etwas bedeutet, ist zumindest diskussionswürdig. Man kann auch sagen: Der Roman beruht auf einem Denkfehler.

Aber das muss kein Grund dafür sein, ihn nicht auf die Bühne zu bringen. Das Theater (das ja immer ein großes Interesse an Geschichten mit Eskalationspotenzial hat), hat sich Tellers Text längst einverleibt. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte die Theaterversion an der Jugendabteilung des Düsseldorfer Schauspiels (geleitet von Barbara Kantel, die früher an der Jugendabteilung des Staatstheaters in Hannover tätig war) Premiere, allein in der vergangenen Saison hatte die Bearbeitung des Romans von Andreas Erdmann an 13 verschiedenen Theatern Premiere.

In Hannover beschäftigt sich nun das Theater an der Glocksee mit „Nichts“. Das Theater, das mit seinem wunderbaren Medizinerstück „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt“ monatelang vor ausverkauftem Haus gespielt und sich damit eindrucksvoll in die Riege der wichtigen Freien Theater der Stadt zurückgemeldet hat, spielt „Nichts“ etwas anders, als es sonst so im Kinder- und Jugendtheater üblich ist.

Die vier Akteure, alle Mitte 30, begeben sich zwar in die Rollen von Schülern, aber sie imitieren kaum jugendliches Verhalten. Sie präsentieren das Stück als philosophisches Theater für Erwachsene. Die von Ulrike Glandorf gestaltete Bühne ist - bis auf einige Pakete und einen schwarzen Quader, der an Stanley Kubricks „2001. Odyssee im Weltraum“ erinnert - leer. Fabienne Elaine Hollwege, Lena Kußmann, Achmed Ole Bielfeldt und Daniel Sonnleithner spielen „Nichts“ so, wie man heute gemeinhin Romane auf die Bühne bringt: Alle Darsteller spielen viele Figuren, zwischendurch wird erzählt, oft spricht man im Chor, ab und zu wird auch gesungen. Langweilig wird es nie.

Vieles in Jonas Vietzkes Inszenierung ist sehr stilisiert. So gibt es keinen Turm von bedeutungsvollen Dingen, sondern einen Berg von merkwürdig leichten Paketen. Die Spielräume Sägewerk und Schule werden nicht einmal angedeutet. Im Grunde bleibt man die ganze Zeit im Buch. Es spricht für die Professionalität der Schauspieler, dass es ihnen dennoch gelingt, die Geschichte sehr glaubwürdig zu erzählen. Manchmal vibriert das alles vor Angst und Leidenschaft. Aber das reicht am Ende nicht, um die Denkfehler vergessen zu machen, die in der Vorlage stecken.

Bis zum 1. Dezember, Glockseestraße 35. Die nächsten Vorstellungen: heute, morgen und am 31. Oktober. Karten unter (0511)1613936.

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