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Kultur Wie Kindesmissbrauch sich vererbt: „Das Begräbnis“ in Wien uraufgeführt
Nachrichten Kultur Wie Kindesmissbrauch sich vererbt: „Das Begräbnis“ in Wien uraufgeführt
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19:58 07.03.2010
Martin Wuttke (r.) als „Christian“ und Oliver Stokowski als „Michael“ während einer Fotoprobe zu „Das Begräbnis“ im Wiener Burgtheater. Quelle: dpa (Archiv)
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Thomas Vinterberg hat Filmgeschichte geschrieben. Zusammen mit Lars von Trier schwor sich der dänische Filmemacher 1995 auf die Dogmaregeln ein, gewissermaßen die Protestantisierung des Kinos: gedreht werden musste an Originalschauplätzen und ohne Zusatzeffekte, außer dem Schnitt gab es keine künstlerischen Eingriffe. Lars von Triers „Idioten“ oder Vinterbergs „Das Fest“ waren eine folgenreiche Revolution – auch und gerade für das Theater. „Das Fest“ ist allein im deutschen Sprachraum seitdem mehr als siebzigmal nachgespielt worden. Auch am hannoverschen Schauspiel steht das Stück, dessen Thema Kindesmissbrauch gerade hochaktuell ist, auf dem Spielplan. Nun hat Vinterberg zusammen mit Mogens Rukov, dem Dogmadenker der ersten Stunde, eine Fortsetzung geschrieben. Bei der Uraufführung führte er auch erstmals Theaterregie – an der Wiener Burg.

Etliche Jahre sind seit der Rede vergangen, die Christian (Martin Wuttke) beim sechzigsten Geburtstag seines Vaters hielt: Damals entlarvte er den Patriarchen Helge Klingelveldt als Päderasten, der ihn und seine Zwillingsschwester Linda einst sexuell missbraucht hatte. Linda hatte sich kurz vor Einsetzen der Handlung das Leben genommen. „Das Fest“ mündete in eine schwarze Nacht. Der Vater gestand, ohne zu bereuen, die Familie zerbrach. Aber es gab noch die Aussicht auf ein Morgen.

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„Das Begräbnis“ macht sich in Wien jetzt zweieinhalb pausenlose und das ganze große Haus förmlich in Bann schlagende Stunden an die Ursachenforschung, und es ist, als würde Ibsen im Internetzeitalter fortgeschrieben: „Gespenster 2.0“, allerdings bedrohlicher und am Ende untröstlich, gänzlich ausweglos.

Dänemark am Meer, ein kleines Hotel. Nach und nach treffen die Teilnehmer der Totenfeier für den Vater ein. Der Bühnenbildner Johannes Schütz hat eine zunächst unscheinbar wirkende Drehbühne entworfen: Rezeption, Salon, Zimmer. Links ein gerahmtes Foto des auf natürliche Weise gestorbenen Helge. Doch die Kulisse ist eine falsche Spiegelung der Verhältnisse: Es liegt ein Fluch auf diesem Haus, wie Helene sagt. Kaum dass Christians Bruder Michael (Oliver Stokowski) die Türe öffnet, liegt Unheil in der Atmosphäre. Vorerst rettet man sich über die Vergangenheit hinweg: „Ihr sollt wissen, dass Vater und ich noch zehn gute Jahre miteinander hatten“, sagt Else, die Mutter (Corinna Kirchhoff, eine outrierte Schmerzensfrau).

Vinterberg lässt dem Publikum in Wien, das zunächst das Boulevardeske dankbar belacht, ein wenig Zeit: Er zoomt nicht direkt ins Herz der Finsternis. Auf diesem Weg erspielt das herausragende Ensemble Kabinettstücke: in tänzelnder Dummschönheit (Johanna Wokalek als Sofie, Michaels zweiter Frau, die keinen Plan hat, aber immer ein Taschentuch griffbereit); in herzlicher Versautheit (Christiane von Poelnitz als Helene) und in kieksig-kichernder Verzweiflung (Dörte Lyssewski). Lyssewski verkörpert Pia, Christians Frau, doch Christian war, wie sich herausstellt, noch niemals richtig ihr Mann: Das anklagende Opfer aus dem „Fest“ ist schon immer auch ein Täter gewesen. Christian erscheint als der Wiedergänger des Vaters. Nicht immer, suggeriert Vinterberg, ist etwas vorbei, wenn es vorbei zu sein scheint, noch nicht einmal im Tod .

Denn Helge (Michael König), lebt als Geist immer noch hier, und ähnlich wie Alberich in Wagners „Götterdämmerung“ stellt er Christian zur Rede. Er rechnet mit ihm ab: „Vor mir sitzt der lebendige Beweis, dass sich nichts ändert.“ Nunmehr ist die Wahrheit auf seiner Seite. Während des Beerdigungsessens nämlich begeht Christian einen sexuellen Übergriff („Es ist nichts passiert ...“) auf Michaels jugendlichen Sohn Henning (Sebastian Blin). Der Zuschauer sieht – und das ist Vinterbergs genuin filmischer Blick – Henning vor diesem Moment, der sich irgendwo im Dunkeln ereignet, nur als Schatten, beim Duschen.

Vinterberg ist kein Voyeur und kein Sensationsmacher. Ihn interessiert in „Das Begräbnis“ vor allem, wie der Riss durch Christian geht – und Martin Wuttke, eines der größten Nervenbündel auf dem Theater, spielt seine Konfession in der dämonischsten aller dämonischen Szenen an diesem Abend, als sitze wahrhaftig der Teufel in ihm. Er zittert und bebt, zuckt und spuckt, und es zerreißt ihn fast, aber der Teufel bleibt drin. „Ich will“, presst Wuttke aus sich heraus, „alles zerschlagen, mich selbst, Schaufenster und kleine Kinder – da ist eine Kugel aus Wut in mir drin, die wächst und brennt.“ Der Gipfelpunkt der Katastrophe liest sich auf dem Papier wie eine Überkonstruktion dieser Geschichte: Christian als sexuell abartiger Woyzeck im eigenen Würgegriff, immerzu, immerzu. Auf der Bühne jedoch entgeht Wuttkes versuchter Exorzismus jedweder Peinlichkeit. Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich. Der Rest ist, nach einer weiteren Rede, Schweigen.

Vorher aber gesteht Christian dem Bruder sein Verbrechen und treibt Michael, der aus einer tranceartigen Scheinruhe aufzuwachen scheint, vollends in die Raserei und fast zum Mord. Nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein verwundetes Tier fällt Oliver Stokowski über Wuttke her, dann wird es finster. Still ruht der See, und Pia und Christian liegen wie aufgebahrt, lebendig, doch zum Weiterleben untauglich, nebeneinander: „Ich habe doch sonst nichts mehr“, sagt Pia über Christian, als ob Christian noch etwas wäre.

Und alles bleibt in der Familie. Die Mutter ist im Garten, die Geschwister werden sich wiedersehen, irgendwann. Wenn es jetzt kein Morgen gibt, dann vielleicht ein Übermorgen. Der junge Henning liegt in einem Bett am Bühnenrand, das am Anfang ein Sarg war. Was wird aus ihm? Morgen, übermorgen, irgendwann: Nie wieder wird es richtig hell werden. Zum Schluss setzt sich Helge, der Vater, als sei fast nichts geschehen, in seinem Sessel zurecht und sagt ins Weite: „Schlaf gut, mein Junge.“ Das ist, nach allem, was man weiß, ausgeschlossen. Für die Opfer ein Leben lang, für den Theaterzuschauer zumindest erst mal eine Nacht.

Weitere Aufführungen am 10, 11., 16. und 31. März am Wiener Burgtheater.

Mirko Weber

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