Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Medien & TV ARD zeigt Zweiteiler „Kennedys Hirn“
Nachrichten Medien & TV ARD zeigt Zweiteiler „Kennedys Hirn“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:40 30.03.2010
Von Dany Schrader
Zwei starke Frauen in Mosambik: Louise Cantor (Iris Berben, links) und Lucinda (Mata Gabin).
Zwei starke Frauen in Mosambik: Louise Cantor (Iris Berben, links) und Lucinda (Mata Gabin). Quelle: dpa
Anzeige

„Ich war in der Hölle, Mama.“ So lauten die letzten Worte, die der Reporter Henrik zu seiner Mutter Louise Cantor sagt. Wenig später findet die Archäologin ihren Sohn tot in seiner Wohnung. Die Polizei glaubt an Selbstmord, doch die Wissenschaftlerin lässt sich nicht überzeugen und beginnt zu recherchieren, stets in der Hoffnung, Henriks Vergangenheit zu einem vollständigen Bild zusammensetzen zu können und seinen Mörder zu finden.

Doch in dieser Geschichte treffen sich die Welten. Louise Cantor muss erleben, wie zynisch die Verbindung zwischen Helfern und Bedürftigen sein kann: Westliche Industrienationen machen mit der Armut afrikanischer Länder Geschäfte. In diesem Fall ist es die Pharmaindustrie, die Millionen HIV-Infizierter aus Mosambik auf grausame Weise für ihre Interessen nutzt. Und so wird Louise Cantors Suche zu einer gefährlichen Reise, die die Archäologin von Schweden nach Südafrika und schließlich wieder zurück in den Norden führt.

Die ARD hat den Bestseller „Kennedys Hirn“ des schwedischen Erfolgsautoren Henning Mankell mit Iris Berben in der Hauptrolle für das Fernsehen verfilmen lassen. Die Dreharbeiten führten das Team an mehr als 300 Orte auf zwei Kontinenten – und, als für mehrere Tage die Lastwagen mit Technik und Ausstattung „verloren“ gingen, zeitweise auch dicht an seine Grenzen. Mehr als tausend Mitarbeiter waren vor und hinter der Kamera an dem Projekt beteiligt. Die Großproduktion ist für die ARD trotz der quotenträchtigen Romanvorlage ein Experiment: Erstmals wird ein zunächst als Zweiteiler vorgesehener Film in einem Stück gesendet.

Iris Berben verkörpert darin eine Louise Cantor, die trotz ihres wissenschaftlichen Umfelds und ihres abenteuerlichen Berufes in der harten Wirklichkeit des Schwarzen Kontinents zunächst ins Bodenlose zu stürzen droht. Doch anders als im Buch, in dem die Handlung schnell zu fesseln vermag, kommt die Adaption nur sehr langsam in Fahrt. Das liegt unter anderem daran, dass sich Regisseur Urs Egger viel Zeit nimmt, um das Wesen Louise Cantors fast porträthaft nachzuzeichnen.

In einem Interview hat die Schauspielerin jüngst das Spröde und Wahrhaftige an Mankells Figuren gelobt. Nun spielt sie selbst einen dieser vom Leben gezeichneten Charaktere, wie schon Mankells berühmter Wallander scheitert auch Louise Cantor an der brutalen Realität der Gesellschaft. Die Archäologin wirkt matt und müde, ihr dunkles Haar ist von grauen Strähnen durchzogen, und auf Berbens sonst so leuchtenden Lippenstift hat die Maske verzichtet. Louise Cantor ist nicht schön, sie ist verzweifelt. An einem Punkt in ihrem Leben hat sie nichts mehr zu verlieren, außer der Wahrheit, die sie erst Stück für Stück wie einen prähistorischen Scherbenhaufen zusammensetzen muss.

Zu diesem Zeitpunkt ist das Spiel Berbens besonders präsent: Sie verwandelt eine wohlstandsverwöhnte Naive ganz langsam in eine starke Persönlichkeit. Die eigentlich sehr intensive Beziehung, die Louise Cantor zu der Freundin ihres Sohnes aufbaut, bleibt dagegen leider vergleichsweise schwach. Lucinda (Mata Gabin) ist HIV-positiv, aber stark. Die Afrikanerin führt eine Bar und ein Waisenhaus, doch vor allem führt sie Louise Cantor ins Herz der Geschichte: Mit Lucinda gelingt es der Archäologin, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Kameramann Martin Kukula findet dafür berückende Bilder. Sein Afrika ist keine Kulisse für schmalzige Fernsehromanzen. Zwar ist es bisweilen farbenfroh und wunderschön, doch Kukula, der mit Egger bereits Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ verfilmte, zeigt auch das kalte Gesicht des Kontinents. „Kennedys Hirn“ liegt damit irgendwo zwischen den Genres. Mal zeichnet die Kamera ein Porträt eines zerrissenen und geschundenen Landes, mal die gestorbenen Hoffnungen enttäuschter Menschen. Im zweiten Teil wird aus dem Drama ein Politthriller. Und wenn Louise Cantor im schrottreifen Wagen des Nachts auf offener Straße liegen bleibt und von einem Geräusch verschreckt wird, könnte man gar von einem Roadmovie sprechen. Auf der Motorhaube sitzt am nächsten Morgen der Urheber des Krachs und keift. Es ist ein Affe.

Die eine Wahrheit findet Louise Cantor auf ihrer erschreckenden Reise jedoch nicht, das Ende lässt wie im Buch viele Fragen offen. Das war ganz im Sinne Mankells, der das Produktionsteam zu einer gemeinsamen Reise nach Mosambik gebeten hatte. Seit Jahren ist es ein Ansinnen des Schriftstellers, die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents aufzuzeigen. „Letztlich will mit Afrika doch niemand etwas zu tun haben. Niemand kümmert sich um die Zukunft des Kontinents“, lässt Egger im Film einen Mitarbeiter der schwedischen Botschaft sagen. Dieser Film wird daran wohl nichts ändern. Im besten Fall ist diese Geschichte ohne Ende ein kleiner Anfang.