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Medien & TV Aggressivität ist out - nun soll es Schlager richten
Nachrichten Medien & TV Aggressivität ist out - nun soll es Schlager richten
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18:54 15.04.2013
Von Imre Grimm
Kalt gegen warm: Der aggressive Leistungsethos der „DSDS“-Juroren Dieter Bohlen und Bill Kaulitz (oben) ist out. Nun soll Schlagerseligkeit die Wende bringen.
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Köln

Es ist ein paar Jahre her, da hat Oprah Winfrey die Zukunft des Fernsehens skizziert. Das war zu einer Zeit, als sich in den USA in der „Jerry Springer Show“ minderjährige Mütter prügelten, als in Castingshows weinende Kinder von eiskalten Dresseuren zu formattauglichen Archetypen geschliffen wurden. In Zukunft, sagte Oprah Winfrey, werde es im globalen Mainstream-Fernsehen um Gemeinschaftsgeist gehen, um Liebe und Motivation. Die Zeit der aggressiven Formate sei vorbei. Wer als Fernsehmacher Erfolg haben wolle, müsse mehr bieten als billige Schadenfreude, hässliche „Guck mal die da unten“-Reflexe und Freakshows. Das Rezept der Zukunft: Mitgefühl, Wärme, Empathie.

Diese Zukunft ist jetzt Gegenwart. Und tatsächlich versuchen es allerlei Sender mit neuer Milde. Es wird geknuddelt und geschwelgt, gealbert und getröstet. Und den reinen Zynikern der Branche, den Oliver Pochers und Harald Schmidts, weht der Karrierewind rau ins Gesicht. Je komplexer und kälter die Realität, desto größer das Verlangen der Entertainmentkundschaft nach erbaulichem Kuschel-TV. Und so liegen sich derzeit bei „The Voice Kids“ in SAT.1 Coach Lena Meyer-Landrut und ihre kleinen Schützlinge schluchzend in den Armen, milde beäugt von den Coachkollegen Hennig „Papa Schlumpf“ Wehland und Tim „Wuschel“ Bendzko. Vier Millionen Menschen sahen zu, für SAT.1 ein Spitzenwert.

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Ermutigung statt Demütigung

Ein Auszug aus dem Begeisterungsvokabular der Jury enthüllt die Absicht der Show: nicht vorführen, sondern stärken: „Ich hab’ Gänsehaut am ganzen Körper!“, „Du bist supersüß!“, „Supersupersupertoll gesungen!“, „Du musst auf jeden Fall Gesangsprofi werden!“, „Mega!“, und immer wieder „Unfassbar!“. Das ist immer einen Schuss zu überschwänglich, eine Spur zu pathetisch. Manches Kind wirkt arg beflissen, manches Elternpaar anstrengend übermotiviert. Aber „The Voice Kids“ ist – wie schon die Erwachsenenversion mit Nena, The BossHoss und Xavier Naidoo – aus guten Gründen erfolgreich: Im Kern geht’s um Musikalität, Motivation und Herz. Das Endemol-Format läuft in 150 Ländern, demnächst kommt Afghanistan dazu. „Wir machen die Kandidaten nicht nieder“, sagt Produzent John de Mol, „wir nehmen sie ernst.“

Wie gestrig, wie vergiftet und hilflos wirken dagegen die verbalen Erniedrigungen von Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Wie lächerlich und verlogen das geigenumflorte RTL-Getue um Schicksalsschläge, Liebeswirren und Egotrips der als Popstar verkleideten Ballermann-Kundschaft, die sich spätestens nach drei Folgen für Gottes Geschenk an die Menschheit hält. Das Format, das in Wahrheit eine Scripted-Reality-Soap ist, erlebt die tiefste Krise seiner elfjährigen Geschichte. Die Quoten sinken, die Verpflichtung der auch nicht mehr ganz so magnetisch wirkenden Tokio-Hotel-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz für die Jury verpuffte wirkungslos. Es ist inzwischen einfach erbarmungswürdig, wenn Bohlen zum Nachweis seines „Erfolgs“ verzweifelt Verkaufszahlen herunterbetet wie Ralph Siegel Grand-Prix-Platzierungen. Erfolg bedeutet 2013 etwas anderes als 2003 oder 1983. Glück bemisst sich nicht allein nach dem Kontostand, sondern eher nach der Freiheit, sich nicht verstellen zu müssen, um Anerkennung zu finden. Das aber widerspricht exakt der Idee von „DSDS“.

Bohlen als netter Onkel unglaubwürdig

Verräterisch war schon, dass Anfang 2012 der eigene Kinderableger von RTL namens „DSDS Kids“ floppte. Da passte nichts zusammen. Zu festgelegt ist Bohlen auf die Rolle des Kinderbeschimpfers, zu unglaubwürdig als plötzlich geläuterter netter Onkel. Da halfen auch die erfahrenen Mütter Dana Schweiger und Michelle Hunziker in der Jury nichts.

Alarmstimmung in Köln: Mit allerhand kurzfristigen Korrekturen versuchte der Sender, dem Krisenformat – das aktuell nicht die einzige Baustelle im RTL-Kosmos ist – einen Hauch Instantliebe zu verpassen. Man holte Olivia Jones ins Boot, die sich an der Front im Dschungelcamp als Mutter der Kompanie bewährt hatte. Man lud (die von Bohlen produzierte) Schlagersängerin Andrea Berg ein, während einer ihrer eigenen Liveshows vor Publikum den Auftritt einer Kandidatin zu verfolgen, die Bergs Lied „Du hast mich tausendmal belogen“ sang. Es half alles nichts: Vor 14 Tagen sahen nur 3,65 Millionen Menschen die Show – Allzeit-Minusrekord für eine Show, die mal 15 Millionen Zuschauer hatte.

Deutscher Schlager soll es richten

Würde die „Bild“-Zeitung ihrem alten Spezi Bohlen nicht die Stange halten – ein schnelles Ende wäre wohl gewiss. Noch aber begleitet der Boulevard verbissen jede pubertäre Regung der Kandidaten, jeden dramaturgischen Kniff (Südsee! Bikinis!). Zu dankbar ist das Format als unendlicher Quell billiger Plastikstorys für Onlineschnellschüsse. „Bild“ verkündete gestern gar in Retro-Reporterschrift „Bohlens Geheim-Pläne für ,DSDS‘“ auf der Titelseite – als gehe es um Wunderwaffen im Zweiten Weltkrieg. Der deutsche Schlager solle es nun richten, hieß es. Bohlen wünsche sich heimisches Idiom beim Liedgut und Andrea Berg und Helene Fischer in der Jury.

Eisern befeuert das Blatt den Mythos, Bohlen allein halte die Zügel bei „DSDS“ in der Hand und nicht RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. „Wir führen sehr ernste Gespräche mit allen Partnern“, sagte Sänger jüngst im „Spiegel“ und kündigte drastische Veränderungen an. „Nach zehn Jahren reicht es nicht mehr, an kleinen Rädern zu drehen. Wir müssen drastischer sein.“ Der Poptitan wird’s mit Sorge hören. Und so wird die Debatte zur Zukunft von „DSDS“ zum Kompetenzgeragel zwischen Bohlen und Sänger, indirekt ausgetragen im Fernduell „Bild“ vs. „Spiegel“. So richtig drastisch klingt dann aber doch nicht, was Sänger ankündigt: Dem Gewinner der nächsten Staffel winkten 100.000 Euro und ein Auftritt in Las Vegas. Das klingt, als habe RTL diese komische Sache mit der Wärme noch immer nicht verstanden.

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