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20:04 06.10.2014
Lautstark mit Megafon: So stellt die Arte-Reihe „Von Managern und Menschen“ die Gewerkschaften in Frankreich dar. Quelle: Lautstark mit Megafon: So stellt die Arte-Reihe „Von Managern und Menschen“ die Gewerkschaften in Frankreich dar.
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Gut, dass die Leute nicht wissen, wie unser Banken- und Geldsystem funktioniert. Andernfalls gäbe es eine Revolution, noch bevor der Morgen anbricht.“ Das Zitat stammt von Henry Ford. Arbeitsteilung und Massenproduktion hoben nicht nur seinen Kontostand in luftige Höhen, sondern den Kapitalismus insgesamt auf eine neue Stufe. Rund 100 Jahre später wissen auch „die da unten“ besser übers System Bescheid. Doch selbst die Herren am Schalthebel blicken manchmal nicht durch. Zum Beispiel François Ceyrac. Nicht Unternehmer wie er seien Eigentümer der Produktionsmittel, „sondern die Unternehmen“. So fatalistisch klingt Frankreichs früherer Arbeitgeberpräsident zu Beginn einer Arte-Reihe über Manager, Kapitalismus und Wirtschaftswachstum.

Ab Dienstagabend widmet sich der Sender immer dienstags Fragen wie: Warum scheint der Kapitalismus trotz Dauerkrise alternativlos? Wo bleibt das kollektive Aufbegehren gegen ein System, das Reiche auf Kosten der Armen immer reicher macht? Weshalb, würde Ford fragen, bleibt die Revolution aus?

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Jean-Michel Meurices‘ Dokumentation „Von Managern und Menschen“ deckt heute Abend Verflechtungen zwischen Staat und Wirtschaft auf, die Europas Kernländer nach dem Krieg zu Global Playern mit abgehängter Unterschicht gemacht haben. Am nächsten Dienstag stellt die Porträt-reihe „Kapitalismus“ einflussreiche Wissenschaftler von Adam Smith über John Maynard Keynes bis Karl Polanyi vor. Der Film „Wachstum, was nun?“ geht am 4. November der Frage nach, warum jede Volkswirtschaft trotz begrenzter Ressourcen gesetzmäßig wachsen muss, zeigt aber auch mikroökonomische Alternativen auf. Und zwischendurch wagt Agnès Gattegnos Film „Die Macht der Kartelle“ den Vergleich zwischen legalem und strafbarem Raubrittertum am Beispiel mexikanischer Drogenbosse.

Damit beweist der Kulturkanal, was ihn mittlerweile zu einem der bedeutsamsten Kreativlabors des hiesigen Fernsehens macht: Mut zur Tiefenanalyse ohne verzagten Blick auf die Einschaltquote. Die Marke Arte steht dieser Tage für intensive Themendurchdringung zum Wohle der Aufklärung, nicht der Bedürfnisbefriedigung. Das Ganze so unterhaltsam, innovativ und zeitgenössisch aufbereitet, dass Arte längst nicht mehr der Studienratsender früherer Tage ist, genutzt von TV-Verweigerern, deren Opern-Abo gerade abgelaufen war.

Schwerpunkte wie die aktuelle Kapitalismusreihe sorgen letztlich dafür, dass die Zuschauerzahl im Gegensatz zu anderen öffentlich-rechtlichen Sendern seit Jahren steigt - und zwar vor allem im Internet, wo Arte zehnmal mehr Facebook-Fans als die ARD hat und eine Mediathek betreibt, die sich sehen lassen kann. So zählt Arte wie ZDFneo zur Gruppe jener Sender, deren Massentauglichkeit zwar begrenzt ist, nicht aber die Coolness. Das zeigen Erstausstrahlungen wie Daniel Harrichs fabelhafter Spielfilm über die Strafvereitelung des Oktoberfest-Attentats am Freitag ebenso wie das norwegisch-amerikanische Serienjuwel „Lilyhammer“, mit dem Arte ab 30. Oktober quasi die „Sopranos“ fortsetzt.

All das ist Fernsehen für jene, denen Fernsehen eigentlich zu profan ist, die aber Lust auf kluges Sofa-Entertainment mit Mehrwert haben. Ab Dienstag werden darunter sogar ein paar Kapitalismuskritiker mehr sein.

Von Jan Freitag

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