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Medien & TV Attac bringt gefälschte „Zeit“ raus
Nachrichten Medien & TV Attac bringt gefälschte „Zeit“ raus
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19:19 22.03.2009
Von Dirk Schmaler
Die nachgemachte „Zeit"-Ausgabe. Quelle: Roy Gilbert/ddp
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Opel ist in Belegschaftshand, Klimasünder werden weltweit zur Kasse gebeten, und die Vereinten Nationen haben beschlossen, eine neue Weltwährung einzuführen: Die Schlagzeilen der „Zeit“ klangen am Wochenende wie aus einer anderen, einer geradezu kuscheligen Wunschwelt. Der Grund: Die Globalisierungskritiker von attac haben die Hamburger Wochenzeitung gekapert und in einer täuschend echt wirkenden „Extra-Ausgabe“ bundesweit rund 150.000 Exemplare des Plagiats verteilt. Das fiktive Erscheinungsdatum ist der 1. Mai 2010. Und die gute Nachricht auf dem Titel lautet: „Licht am Ende des Tunnels“.

„Erinnern Sie sich noch an letztes Jahr?“, fragt Autorin Rosa Goldmann gleich auf Seite 1. „Die Banken gehörten noch den Aktionären, Afghanistan den Militärs, und die Straßen gehörten den dicken Autos.“ Auf den folgenden Seiten erfährt der Leser, dass sich 2010 so ziemlich alle attac-Forderungen erfüllt haben: Die G-20-Staaten einigen sich auf globale Mindeststeuern, ein neues Gesetzespaket beschränkt den Einfluss von Lobbyisten, die Deutsche Bank heißt „Zentralkasse“ und gehört dem Staat. Und in Niedersachsen sollen die Schulklassen verkleinert werden.

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Auch die „Zeit“ selbst hat sich in der Zukunftsvision der Globalisierungskritiker geändert. „Wir haben uns doch mehr als Teil der Macht verstanden denn als ihr kritischer Gegenpart“, heißt es da von einem gewissen „Matthias Trocken“ in dem gefälschten Editorial. „Heute frage ich mich, wie wir damals zu einer solchen Verletzung von journalistischem Ethos fähig waren.“ Der stellvertretende Chefredakteur der echten „Zeit“ heißt Matthias Naß – und er und seine Kollegen gehen mit der Parodie eher locker um. „Eine Fälschung der ,Zeit‘, Print wie Online, können wir natürlich niemals billigen – insbesondere nicht in dieser guten Qualität“, hieß es. Rechtliche Schritte wolle man nicht einleiten.

Die Idee eines Zeitungsplagiats zur Wirtschaftskrise stammt von den US-Aktionskünstlern „The Yes-Men“, die erst im November 2008 eine gefälschte Ausgabe der „New York Times“ veröffentlicht hatten. Unter dem altehrwürdigen Zeitungstitel wurde dort in gewohntem Layout vermeldet, die Kriege in Afghanistan und im Irak seien vorbei und George W. Bush werde wegen Hochverrats angeklagt. Das Projekt brauchte sechs Monate Vorbereitungszeit und hatte eine Auflage von 1,2 Millionen Exemplaren.

Die „Zeit“-Fälscher waren bescheidener. So hat ihre „Zeit“ („Preis: weltweit 0 Euro“) ein kleineres Format als das Original und ist nur acht Seiten stark. Immerhin haben sie im Internet unter www.die-zeit.net auch eine täuschend echte Online-Ausgabe gebastelt. Sie haben zeigen wollen, was in den nächsten 13 Monaten möglich ist, heißt es in einer Mitteilung.

Nach attac-Angaben kostete das Projekt rund 15.000 Euro und wurde größtenteils aus Spenden finanziert. Für die Anzeigen jedenfalls werden sie wohl kein Geld bekommen haben. Dort gibt die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ bekannt, künftig unter „Initiative Neue Marxwirtschaft“ zu firmieren. Auch die Kaffeemarke Nescafé zeigt sich geläutert („Ich war ein Schaumschläger“), und die Privatkliniken bekennen in einer Sammelanzeige: „Wir wollen nur Ihr Bestes: Ihr Geld.“