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Medien & TV „Bioshock Infinite“ beeindruckt mit starker Erzählstruktur
Nachrichten Medien & TV „Bioshock Infinite“ beeindruckt mit starker Erzählstruktur
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00:15 12.04.2013
Eigenwillige Begleiterin: Wie Videospielfigur Elizabeth ihre künstliche Intelligenz einsetzt, überrascht selbst ihren Schöpfer Ken Levine. Quelle: 2K Games
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Hannover

Anspruchsvolle Videospiele scheinen ein Widerspruch in sich zu sein. Politische oder philosophische Inhalte lassen sich nicht mit dem Bild des durchschnittlichen Daddlers vereinbaren – dem Teenager, dessen Finger beim Shooter locker am Abzug sitzt. Viele erfolgreiche Spiele wie „Crysis 3“ setzen daher auf ein flüssiges Gameplay und Hochglanzoptik. Die dünne Handlung, die selten über Gut-Böse-Konflikte, Militärszenarien oder Alien-Invasionen hinausgeht, ist dabei Nebensache.

Ken Levine will sich damit nicht zufriedengeben. „Videospieler werden unterschätzt“, sagt der Chef des Spieleentwicklers Irrational Games. Dass dieses Credo für den Autor und Designer keine leere Floskel ist, beweist er in seinem neuesten Werk. Mit „Bioshock Infinite“ bricht Levine, der sich schon mit Spieleklassikern wie „Dark Project: Der Meisterdieb“ und „System Shock 2“ einen Namen gemacht hat, erneut aus dem Standard-Shooter-Schema aus. „Bioshock Infinite“ (für PC, PS3, Xbox 360) versetzt den Spieler in ein fiktives Szenario im Jahr 1912. In der Rolle des Agenten Booker DeWitt gilt es eine junge Frau aus Columbia zu befreien – einer utopischen, visuell beeindruckenden Stadt, die in den Wolken schwebt. Im Laufe des Spiels stellt sich jedoch heraus, dass die vermeintliche Idylle, die aus Beaux-Arts-Architektur, Art déco und futuristischen Steampunk-Elementen (wie im Film „Wild Wild West“) konstruiert ist, dem Untergang geweiht ist.

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Das Besondere an „Bioshock Infinite“ sind die Handlung und die Erzählstruktur. Wie schon in den beiden „Bioshock“-Vorgängern muss sich der Spieler die Geschichte selbst erarbeiten, indem er die Spielwelt inspiziert, Gespräche belauscht, Schriftstücke liest, Tonbandaufnahmen anhört und die im Spiel versteckte Symbolik entschlüsselt. „Bio­shock Infinite“ gleicht einem Puzzle. Damit unterscheidet es sich von anderen Shootern, die eine simple Handlung auf dem Silbertablett servieren: Die Geschichte wird dabei oft in Filmsequenzen vorangetrieben. Levine möchte stattdessen, dass der Spieler selbst an der Narration teilnimmt. Das sei viel eindrücklicher, weil die Geschichte dadurch für jeden Spieler ein individuelles Erlebnis werde, sagt der 46-jährige US-Amerikaner.

In einem interaktiven Medium ist das nicht unproblematisch. Das Verhalten der Spieler lässt sich schließlich schwer voraussagen. Levine und sein Team lösen dieses Problem mit einem Kniff: Sie haben die Figur Elizabeth in das Spiel integriert – die Frau, die der Spieler retten soll. Sie fungiert bald als handlungstreibender Charakter, indem sie den Spieler und dessen Aufmerksamkeit dezent lenkt. Abgesehen von wenigen vorgeschriebenen Szenen entwickelt sie echtes Eigenleben: So untersucht sie neugierig die Spielwelt, wenn der Spieler eine kurze Pause macht, sie unterdrückt ein Husten, wenn sie sich vor einer Gefahr versteckt hält, oder sie unterstützt den Spieler, indem sie ihn im Kampf bei Bedarf mit Medizin versorgt. Die künstliche Intelligenz wird durch sie sehr lebendig. Wenn Elizabeth zu tänzeln beginnt, weil irgendwo Musik erklingt, überrascht das sogar ihren Schöpfer Levine.

„Bioshock Infinite“ behandelt dabei für ein Videospiel erstaunlich komplexe Themen. Es strotzt vor popkulturellen, politischen, historischen, religiösen und philosophischen Anspielungen. Schon der Vorgänger „Bioshock“ zeichnete ein düsteres Gesellschaftsbild, das auf dem Roman „Atlas Shrugged“ der russisch-amerikanischen Autorin Ayn Rand (1905–1982) basiert.

Columbia ist hingegen vom amerikanischen Exzeptionalismus geprägt, der Theorie der Überlegenheit der USA über andere Länder. Dementsprechend verehren die Bewohner die US-Gründungsväter George Washington, Thomas Jefferson und Benjamin Franklin wie Götter. Verstärkt wird dieser Nationalismus durch die fremdenfeindliche Politik Zachary Comstocks, des fiktiven Gründers der Wolkenstadt.

„Bioshock Infinite“ setzt eine gute Allgemeinbildung voraus. So ist ein Stadtteil von Columbia etwa John Wilkes Booth gewidmet. Wer den Mörder Abrahams Lincolns nicht zuordnen kann, dem fehlt ein Teil im Puzzle. Außerdem sollten die Spieler erkennen, dass die Darstellungen in Columbias Museum „Hall of Heroes“ ideologisch motiviert sind und nicht den Tatsachen entsprechen: Der Boxerkrieg und das Massaker an amerikanischen Ureinwohnern bei Wounded Knee werden dort aus einer historisch stark verzerrten Perspektive aufbereitet.

Dass „Bioshock Infinite“ trotz der komplexen Handlung und der anspruchsvollen Erzählstruktur kein verkopftes Experiment ist, sondern auch kommerziellen Erfolg haben soll, erkennt man hingegen am Gameplay. Mit zahlreichen und teils sehr brutal inszenierten Kampfsequenzen, die sich dank des Arsenals an Waffen und magischen Fähigkeiten spannend und abwechslungsreich spielen, werden die Fans traditioneller Shooter angesprochen.

Ken Levines Mischung kommt an – bei Kritikern wie Käufern. Mit 96 von 100 möglichen Punkten ist der erste „Bio­shock“-Teil von 2007 beim renommierten Vergleichsportal Metacritic.com noch immer als bester aller First-Person-Shooter gelistet. Die Reihe verkaufte sich bislang mehr mehr als sieben Millionen Mal. „Bioshock Infinite“ wird den Erfolg wohl fortsetzen: Das neue Spiel von Shootingstar Ken Levine hat sofort die Spitze der Verkaufscharts erklommen.

Jan Henrik Flecke