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Medien & TV Borowski und der Drogenrausch
Nachrichten Medien & TV Borowski und der Drogenrausch
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20:00 23.01.2015
Von Christiane Eickmann
Intermezzo: Rita (Elisa Schlott) und Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg). Quelle: ARD
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Kiel

Schon die erste Szene lässt nichts Gutes ahnen: In einem düsteren Wald hebt eine dunkle Gestalt ein Beil, um einen geisterhaft bleichen jungen Mann zu enthaupten. Der Kopf, in einem Bach schwimmend, scheint Täter und Zuschauer aus aufgerissenen Augen anzustarren. Nein, der neueste „Tatort“ aus Kiel hat über weite Strecken so gar nichts lebensbejahendes, der romantisch wirkende Titel „Borowski und der Himmel über Kiel“ führt auf eine falsche Fährte.

Angespült wird der abgetrennte Kopf im Fachwerkdörfchen Mundsforde in der Nähe von Kiel. Und weil ein derart grausames Verbrechen selbstverständlich nicht dem Dorfpolizisten überlassen werden kann, sind die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) gleich zur Stelle. Was dann folgt, ist das klassische Muster aus allen TV-Krimis mit Dorfschauplatz: Die Kommissare aus der Stadt stoßen auf eine äußerst schweigsame, unfreundlich dreinblickende, norddeutsch nuschelnde Landbevölkerung.

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Immerhin: Der Gerichtsmediziner findet heraus, dass das Opfer Crystal-Meth-süchtig war. Auf einen Fahndungsaufruf hin meldet sich Rita (toll: Elisa Schlott), die Ex-Freundin des Toten. Die junge Frau ist selbst erst seit Kurzem clean. Ritas Schilderung der Liebe zum Mordopfer Mike (Joel Basman aus „The Monuments Men“) und der gemeinsamen Sucht gerät zu einem großartig gespielten Lehrfilm über den rauschartigen Zustand, in den Crystal-Meth-Abhängige verfallen, und die verheerenden Folgen der Sucht. Schnell hintereinander geschnittene Szenen zeigen das Paar beim Drogenkonsum, immer wieder beim Sex, beim ekstatischen Tanz in der Disco, beim kindlichen Blödsinn-Machen - aber auch bei bedrückend aggressiven Streitigkeiten während des gemeinsamen Entzugs.

Regisseur Christian Schwochow hat das alles beeindruckend realistisch inszeniert. Die Aufklärung des eigentlichen Kriminalfalls jedoch kommt erst einmal nicht voran. Denn Verdächtige kann auch Rita zunächst nicht nennen. Weil Borowski jedoch nicht lockerlässt, beschuldigt Rita zwei Dealer. Ab diesem Punkt verheddert sich das Drehbuch von Grimme-Preisträger Rolf Basedow leider in unnötigen Nebenhandlungen. Und dass auch in diesem „Tatort“ wieder einmal eine junge Frau sexueller Gewalt ausgesetzt sein muss, ist einfach nur unnötig.

Borowski hat derweil eine ganz persönliche Beziehung zu dem Fall bekommen, weil ihn Rita an seine eigene Tochter erinnert, zu der er derzeit keinen Kontakt hat. Wallander lässt grüßen. Ohnehin sind die skandinavischen Fernsehkrimis als Vorbild dieser blaugrauen Tristesse nicht zu übersehen. Und über die Grenze nach Dänemark muss Borowski während der Ermittlungen auch einmal. Auf dem Rückweg klärt er dann wie nebenbei die hanebüchene Verwicklung des muggeligen Menschen von Mundsforde in den Fall.

Und wie entwickelt sich das Kieler Ermittlerduo weiter? Leider gar nicht. Die verteilten Rollen zwischen Borowski (Ermittler alter Schule) und Brandt (junge Frau mit Smartphone, iPad und Technikverständnis) werden auch in diesem Fall wieder hübsch zementiert. So langsam stellt sich die Frage, ob die „Tatort“-Verantwortlichen Sibel Kekilli nicht zutrauen, mehr aus ihrer Rolle zu machen, oder ob sie es nicht vermag. Immerhin hat das letzte Wort in diesem „Tatort“ nicht Axel Milberg, sondern die großartige Elisa Schlott.