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Medien & TV Die Sitcom zum Film zum Bully
Nachrichten Medien & TV Die Sitcom zum Film zum Bully
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19:58 17.11.2013
Von Imre Grimm
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Hannover

Klassischer geht’s kaum: ein Lümmelsofa mitten im Zimmer, davor ein Couchtisch, Holzfußboden, rote Ziegelwände, ein Kaminofen, Jalousien vor dem Fenster und überall Kissen in warmen Erdtönen. Es ist das traditionelle Sitcom-Set. Hier könnte „Friends“ spielen oder die „Cosby Show“ oder „How I Met Your Mother“. Aber stattdessen ruckelt sich Michael „Bully“ Herbig gestresst in seiner Lieblingssofakuhle zurecht, neben ihm sein alter Kumpel aus den seligen Zeiten der „Bullyparade“: Rick Kavanian, mit dem er für Pro7 mehr als 1000 Sketche gedreht hat. Sieht tatsächlich aus wie ’ne Sitcom, das Ganze. Und warum auch nicht? Sitcoms funktionieren seit Jahrzehnten - nur deutsche eben nicht. Alle bisherigen Versuche von RTL und Co. waren lahm, plump und schludrig. Das soll jetzt anders werden.

Bully will’s wissen. Sechs Folgen lang spielt er ab Montagabend quasi sich selbst - als allmählich delirierender Regisseur mitten in einer chaotischen Kinoproduktion. Das Drehbuch ist fertig, aber im Budget knirscht es, und er hat noch keine Darsteller. Über dem ganzen Filmzinnober vergisst er sein Privatleben - bis Freundin Nina (Sandra Koltai aus „Schulmädchen“ und „Marienhof“) plötzlich entnervt aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Stattdessen quartiert Kumpel Rick ungefragt sich und seine ziemlich aus dem Raster fallende Schwester Aida (Gisa Flake) bei Bully ein.

Klingt lustig. Und ist es auch. Da spielt es schon fast keine Rolle mehr, dass die sechs Folgen das Publikum nebenbei für Herbigs nagelneuen, fertigen und durchaus realen Kinofilm „Buddy“ vorglühen sollen. Der läuft - Zufälle gibt’s! - am 25. Dezember in den deutschen Kinos an, zwei Tage nach der letzten Folge von „Bully macht Buddy“. Ist das nicht ein bisschen zu - berechnend? „Ich mag das“, sagt Herbig. „Wenn ich mir vorstelle, es gibt später ein DVD-Paket, Film plus Sitcom - ist doch schön.“

Er ist halt ein begnadeter Vermarkter. Seine letzte Pro7-Show „Bully sucht die starken Männer“ war 2008 ein Casting für seinen „Wickie“-Kinofilm. Er ist aber auch ein begnadeter Genrekopist. Schon in den Sketchen der unvergessenen „Bullyparade“ (1997-2002) simulierte er mit den vergleichsweise bescheidenen Mitteln des deutschen Privatfernsehens grandios die Hollywood-Ästhetik von Breitwandwestern oder Gangsterdramen. Nun legt er eine optisch reinrassige Sitcom hin, deren Plot allerdings keine volle 24-Folgen-Staffel tragen würde. Es fehlt der herzerwärmende Überbau, das emotionale Grundrauschen in dieser TV-Familie auf Zeit, das über gute Gags und flotten Slapstick hinausgeht. Starke Sitcoms sind mehr als die Summe ihrer Teile.

Und dennoch: „Bully macht Buddy“ ist temporeich und voller Spiellaune, gedreht - eine Seltenheit in Deutschland - vor Livepublikum wie zuletzt nur die SAT.1-Improvisationsshow „Schillerstraße“. Benannt sind die Folgen - kleine Reminiszenz an große Helden - wie in „Friends“: „Die Folge mit dem Date“, „Die Folge mit der letzten Chance“ ...

Das Ergebnis ist überraschend kalauerig, extrem auf Pointe geschrieben („Du nennst meine Brüste ,Susi & Strolch‘!“ - „Besser als ,Dick und Doof‘!“), und die Gagdichte ist hoch („Warum muss sie ausgerechnet bei mir wohnen?“ - „Das Hundehotel war voll.“) Das Timing ist perfekt, auch wenn nicht jede Nebenfigur sitzt. Die alberne Klatschreporterin der Zeitschrift „Gloss“ etwa ist so lebensecht wie Karla Kolumna aus „Benjamin Blümchen“. Sei’s drum. Rick Kavanian darf seine Sprachparodieleidenschaft voll ausleben, und wir lernen schöne Wörter wie „Nilpferdmettintoleranz“.

Eine überdrehte Version seiner selbst zu spielen steht Herbig gut. Nach dem Vorbild großer TV-Helden wie Jerry Seinfeld („Seinfeld“) oder Larry David („Curb Your Enthusiasm“) - oder deutscher Kollegen wie Bastian Pastewka in „Pastewka“ - lässt er sein Publikum vermeintlich am Alltag eines Starentertainers teilhaben und betreibt gleichzeitig dessen Entmystifizierung. Als Gäste sind Boss Hoss, Sängerin Schmidt, Schauspieler Elyas M’Barek, Wigald Boning oder auch Sarah Connor zu sehen. Nun ja. Natürlich ist es cooler, wenn Britney Spears als Gast in „How I Met Your Mother“ ihr eigenes Image von der vermeintlich doofen Zicke parodiert. Aber eine Britney Spears haben wir nun mal nicht. Man muss nehmen, was da ist.

In der Kino-Liebeskomödie „Buddy“ spielt Herbig dann einen tollpatschigen Schutzengel. Und führt lieber wieder selbst Regie. Es ist sein erster eigener Film seit „Wickie und die starken Männer“ vor vier Jahren - und die erste Filmidee, die ihren Ursprung nicht in der „Bullyparade“ hatte. Seine beiden letzten Engagements als Schauspieler in Leander Haußmanns „Hotel Lux“ und in Helmut Dietls „Zettl“ waren Flops. Es gebe in Deutschland, sagte Herbig kürzlich, „bei manchen Leuten, vorsichtig gesagt, eine Erleichterung, wenn jemand scheitert, der vorher erfolgreich war“. Auch Herbig kämpfte zuletzt mit irrsinnigen Erwartungen. Mit diesem kleinen TV-Comeback jedenfalls wird er nicht scheitern.