Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Medien & TV „Unweibliche“ Provokationen
Nachrichten Medien & TV „Unweibliche“ Provokationen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:17 27.05.2014
Katharina Schüttler alias Clara Immerwahr. Quelle: Caroline Seidel
Anzeige

Sie hat fast ihr ganzes Leben lang gekämpft: als frühe Feministin für die Rechte der Frau, als begabte Chemikerin in einem männerdominierten Wissenschaftsbetrieb und als glühende Pazifistin gegen die damals herrschende Kriegsbegeisterung. Und trotz ihres großen Engagements ist ihr Name heute so gut wie vergessen. Die Rede ist von Clara Immerwahr, die sich im Alter von 44 Jahren am 2. Mai 1915 vor der Berliner Villa ihrer Familie erschossen hat. Und an die die ARD nun im Rahmen ihres Themenschwerpunkts „Erster Weltkrieg“ dankenswerterweise mit einem sehenswerten Film erinnert, den Harald Sicheritz nach einem Drehbuch von Susanne Freund und Burt Weinshanker inszeniert hat.

Die filmische Biografie „Clara Immerwahr“ beginnt 1887 in Breslau. Dort wächst die Titelheldin als Tochter einer wohlhabenden liberalen jüdischen Familie auf. Sie träumt schon als Mädchen davon, ihr Abitur zu machen, um später dann Chemie zu studieren – ein damals fast schon exotischer Wunsch für eine Frau, den die junge Clara trotz des Widerstands der von Männern beherrschten Institutionen schließlich realisiert. Und sie ist dann an der Universität Breslau sogar die erste Frau, die ein Doktorexamen ablegt. Kurz danach heiratet sie den Chemiker Fritz Haber, den späteren Nobelpreisträger für Chemie (1918), geht mit ihm unter anderem nach Karlsruhe und Berlin, wo er an Forschungseinrichtungen arbeitet, zuletzt als Gründungsdirektor des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts, das heute seinen Namen trägt.

Anzeige

Trotz Ehe und eines bald geborenen Sohnes will Clara weiterhin als Chemikerin arbeiten – am besten zusammen mit ihrem Mann. Ihr Vorbild ist das Ehepaar Marie und Pierre Curie, die 1903 gemeinsam mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet wurden. Doch an diesem Vorhaben scheitert Clara. Und der Film zeigt anschaulich, mit welcher Ignoranz, mit welchen Ressentiments und sogar Schikanen Frauen und Wissenschaftlerinnen wie Clara im wilhelminischen Deutschland zu kämpfen hatten. Und auch ihrem Mann, der sie anfangs noch unterstützt, ist ihr für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Engagement zunehmend unangenehm, weil er dadurch seine Karriere gefährdet sieht.

Anfangs, so erzählt es diese filmische Biografie, wehrt sich Clara noch gegen ihr drohendes Scheitern, doch langsam verwandelt sich die früher so willensstarke und lebensfrohe Rebellin in eine zunehmend resignierte Mutter und Hausfrau. Und nur ab und an spürt man noch ihren einstigen Widerstandsgeist, der sich dann in kleinen „unweiblichen“ Provokationen Luft macht. Doch gegen Ende des Films überschlagen sich plötzlich die Ereignisse, als Clara schmerzhaft erkennen muss, dass ihr Mann nach Ausbruch des Krieges für das Militär an der Entwicklung von chemischen Waffen arbeitet. Und er gilt heute noch als „Vater des Gaskriegs“, der sogar die ersten Anwendungen dieser grausamen Waffen an der Front selbst überwacht hat. Für Clara bricht daraufhin die Welt zusammen. Eine Welt, die allerdings vorher schon für sie sehr brüchig geworden ist.

Die Fülle dieses Lebens ist das Problem, mit dem der Film zu kämpfen hat. Notgedrungen fällt angesichts der Themenvielfalt vieles unter den Tisch oder wird nur kurz angesprochen. Auch die zwiespältige Rolle, die Claras Ehemann bei diesem menschlichen Drama gespielt hat. Dennoch wird ein vielschichtiges Bild einer interessanten, ja, großen Frau geliefert. Was nicht zuletzt auch an der exzellenten Leistung der Hauptdarstellerin Katharina Schüttler liegt, die gut ergänzt wird durch ihren Filmehemann Maximilian Brückner. Und durch die vorzügliche Ausstattung dieser ARD-Produktion.

Von Ernst Corinth

27.05.2014
Medien & TV Bisher nur auf Englisch - WhatsApp muss AGBs übersetzen
27.05.2014
26.05.2014