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22:33 12.03.2012
Jagd im Internet: Gegen den brutalen Rebellenführer Joseph Kony wurde über Twitter, Facebook und YouTube eine Kampagne gestartet. Quelle: dpa
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Hannover

Ein eindrucksvolles Video auf YouTube machte aus dem gesuchten Schlächter aus Uganda in kürzester Zeit eine Berühmtheit – und Millionen vor allem junge Menschen überall auf der Welt zu Verbrechensjägern im Namen der Gerechtigkeit. Dahinter steckt eine Kampagne der US-Organisation „Invisible Children“. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Kony noch in diesem Jahr vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen – allein durch die Macht der vielen, die das Internet so unwiderstehlich macht.

Nur: Kann das funktionieren? Lässt sich per Mausklick gegen abgehalfterte Warlords kämpfen? Kann man mit einem „Gefällt mir“-Click bei Facebook die Welt verändern? Die Hilfsorganisation zumindest glaubt daran. Und ihre vielen Unterstützer glauben es auch.

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Kony gehört zu den brutalsten Rebellenführern Afrikas. Seit den achtziger Jahren befehligt er seine „Lord’s Resistance Army“ („Widerstandsarmee des Herrn“). Sie wurde ursprünglich gegründet, um für die Interessen der nordugandischen Volksgruppe der Acholi zu kämpfen. Als sich deshalb immer weniger Menschen der „Lord’s Resistance Army“ anschlossen, begann Kony mit der Entführung und  Zwangsrekrutierung von Kindern. Die Mädchen wurden als Sexsklavinnen missbraucht.  Es dürften mehrere zehntausend  gewesen sein. Kony selbst soll über einen Harem von 80 Frauen verfügen, mit denen er die Herrenrasse der „New Acholi“ begründen möchte. Insgesamt sind in den vergangenen 25 Jahren fast zwei Millionen Menschen in Ost- und Zentralafrika vor Kony geflüchtet.

Filmemacher Jason Russell hat die Verfolgung Konys schon vor zehn Jahren zu seiner Mission gemacht. Damals lernte er eines der Kinder kennen, die Konys Soldaten einst in den Busch verschleppt hatten – und war entsetzt. Seitdem sammelt er mit seiner Hilfsorganisation „Invisible Children“ Spenden und dreht Filme, um die Menschen weltweit auf die Verbrechen und die Notlage in der Region aufmerksam zu machen. Auch war Russell der erste, der Kony 2005 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anklagte.

Kony befindet sich seitdem mit einem harten Kern von Soldaten in Zentralafrika auf der Flucht – vermutlich irgendwo im unwegsamen Busch der Zentralafrikanischen Republik. Erst vor sechs Monaten entsandte US-Präsident Barack Obama 100 US-Militärberater nach Uganda, die der dortigen Armee beim Aufspüren Konys helfen sollen. Die Zahl der Entführungen und Angriffe auf Zivilisten hat schon spürbar abgenommen. „Entscheidend ist nun, dass die Militärs eng zusammenarbeiten, um den Druck auf Kony aufrechtzuerhalten“, sagt der zuständige US-Staatssekretär.

Hier könnte die Kampagne im Netz einen entscheidenden Beitrag leisten. Die Hilfsorganisation rund um Filmemacher Russell hat den Schlächter aus Uganda wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Das „Action Kit“, das „Invisible Children“ im medialen Kampf gegen Kony vermarktet, ist schon ausverkauft. Es beinhaltet Aufkleber, Buttons, ein Armband, Poster und kostet 30 Dollar. Prominente wie George Clooney unterstützen die Organisation bereits, sogar das Weiße Haus hat schon Sympathie für die Kampagne bekundet. Kurz: Es ist plötzlich wahnsinnig hip, gegen Kony zu sein.

Der Grund für den Erfolg liegt in dem Videoclip selbst. Statt lange über die afrikanischen Konflikte zu dozieren, setzt Filmemacher Russell auf die emotionale Karte – und auf die direkte Sprache der Weltbürger. Das Video beginnt mit einem pathetischen Zitat des Schriftstellers Victor Hugo: „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. Es folgen ein paar Szenen des gutbürgerlichen amerikanischen Glücks, immer geteilt mit Freunden über Facebook und Blogs.

Man sieht die „arabische Revolution“ und Privataufnahmen des Filmemachers selbst, wie er mit seinem Sohn einen Film dreht, und den ins Internet stellt. Dann ist ein weinendes afrikanisches Kind zu sehen, das über seine Zeit als Kindersoldat redet. Die hochemotionale Botschaft ist klar: Durch das Netz sind die unterschiedlichen Welten nicht mehr zu trennen. Jeder ist angesprochen, alle können etwas tun. Und das interessante ist: Je mehr Menschen das glauben, desto wahrscheinlicher wird es, das es irgendwann wirklich stimmt.

Und dennoch steht Filmemacher Russell nach dem rasanten Erfolg der vergangenen Tage auch in der Kritik – auch hier sind es bereits Millionen, die per Twitter und Facebook debattieren. Afrikanische Kritiker geißeln vor allem die „Weltenretter-Attitüde“ des weißen Videoproduzenten – und wollen in seinem Vorgehen „neokoloniale Motive“ erkennen. Außerdem habe die Hilfsorganisation nur etwa 30 Prozent der Spenden für echte Hilfsprojekte verwendet – und den Rest unter anderem in die Filmproduktion gesteckt. Experten beklagen zudem die eingängige Gut-gegen-Böse-Botschaft des Films.

Joana Breidenbach, Mitbegründerin der Online-Spendenplattform Betterplace, ist zwiegespalten in der Bewertung der Kampagne. „Man wird als Weltbürger angesprochen, der mit einem Klick wirklich etwas ändern kann“, sagt sie. Das sei gut gemacht. Andererseits sei fraglich, ob der Film nicht über Gebühr emotionalisiere. Schließlich gehe es heute in Uganda um den Aufbau, die Jagd nach dem Rebellenführer sei längst zweitrangig.

Bei aller Kritik gibt der Erfolg Russell aber bisher recht. Und es scheint erfolgversprechend, die Hilfsanstrengungen auf die Verfolgung Konys zu richten, zumal seine Armee ohne ihn vermutlich sofort zerfallen würde. Als Vorbild könnte Angola dienen: Als dort 1992 der wenig minder brutale Rebellenchef Jonas Savimbi getötet wurde, ging der jahrzehntelange Bürgerkrieg mit einem Schlag zu Ende.

Dirk Schmaler und Wolfgang Drechsler

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