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Medien & TV Ehrgeiz total
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00:18 21.06.2015
Von Dirk Schmaler
Foto: Stefan Raab: Er nervte und beglückte die Nation mit unzähligen lustigen Liedern und geschmacklosen Scherzen.
Stefan Raab: Er nervte und beglückte die Nation mit unzähligen lustigen Liedern und geschmacklosen Scherzen. Quelle: dpa
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Hannover

Es gibt diese Szene aus den guten Zeiten. Stefan Raab, noch deutlich jünger im Gesicht, sitzt auf der Couch von „Wetten, dass ...?“, eingequetscht zwischen den Klitschko-Brüdern, mit einer kleinen Ukulele. Er grinst sein breitestes Grinsen, und man ist sich für einen Moment sicher, dass niemand mehr Vorderzähne zusammenbringt als dieser Mann. „Ihr habt Hände wie Paddel / und einen Brustumfang wie Naddel“, singt er. Die Kamera schwenkt auf das Sofa nebenan, wo Dieter Bohlen und seine damalige Freundin „Naddel“ Abd El Farrag verkrampft dreinschauen. Raab singt weiter: „Könnt ihr dem Dieter Bohlen / mal gepflegt den Arsch versohlen? / Er schreibt immer die gleichen Lieder / drum brecht ihm alle Glieder.“ Lachen, Applaus. Raab hatte es geschafft: Erst dem großen Thomas Gottschalk vor weit mehr als 15 Millionen Zuschauern die Show gestohlen - und nebenbei noch Hit-Produzent Bohlen breit grinsend an seiner empfindlichsten Stelle getroffen.

Das ist nun 16 Jahre her. An diesem Abend ahnte auch die große, alte Samstagabend-Fernsehnation zum ersten Mal, dass sie ein neues, ein anarchisches Gesicht bekommen hatte, das sie so schnell nicht wieder loswerden sollte. Und in der Tat: Raab, bis dahin noch ein bunt gekleideter Clown vom Musikfernsehen, stieg nach seinem Wechsel zu Pro7 rasant auf. Er nervte und beglückte die Nation mit unzähligen lustigen Liedern und geschmacklosen Scherzen. Bis Donnerstag. In der Nacht zu Mittwoch kündigte der Moderator, Musiker, Produzent, Show-Erfinder und gelernter Metzger nach 16 Jahren und 2180 Sendungen „TV total“ und unzähligen Samstagabendshows auf Pro7 seinen Rückzug an. „Ich habe mich entschlossen, zum Ende dieses Jahres meine Fernsehschuhe an den Nagel zu hängen“, heißt es in einer nüchternen Erklärung. Raab, der langjährige Goldjunge des deutschen Fernsehens, schmeißt hin.

Es war ein Abschied auf Raten. Wer in den vergangenen Monaten zufällig am späten Abend bei „TV total“ hängen geblieben ist, musste den Eindruck gewinnen, da sitzt einer seine schon gebuchten Fernsehminuten ab. Das Studio ist derart renovierungsbedürftig, dass manche Kulissen angeblich nur noch mit Klebeband zusammengehalten werden. Die Gäste dürfen sich darauf freuen, als „fantastisch“, „wahnsinnig“ oder „unglaublich“ angekündigt zu werden - ohne dass sich der Gastgeber wirklich interessiert zeigt. Raab sah immer mehr aus wie jemand, der es satthatte, den jungen Wilden zu spielen, weil er doch mit seinen 48 Jahren längst seiner eigenen Show entwachsen war.

Aber der Rücktritt ist auch ein Symptom für einen grundlegenden Wandel. Das Fernsehen häutet sich. Nicht erst seit gestern. Harald Schmidt macht schon lange nicht mehr mit, Thomas Gottschalk ist auch weg, Günther Jauch dreht die letzten Runden am Sonntagabend, Jürgen Domian hat seinen Abschied angekündigt. Das Fernsehen verliert seine Dauerläufer genauso wie seine Extreme. Die Zeiten, in denen Sender ihren Angestellten viel Freiheit und Sendeminuten einräumten, sind wohl unwiderruflich vorbei. Und andersherum: Wer außerhalb der üblichen Formate Fernsehen machen will, eröffnet einen Youtube-Kanal.

Raab war nie ein Konsens-Star wie Günther Jauch oder Thomas Gottschalk. Er konnte sich nie einfach irgendwo hinstellen, und schon breitete sich eine wohlig-warme Atmosphäre in den Wohnzimmern aus. Nicht wenige hielten das Eindringen des heute 48-Jährigen in die Fernsehwelt schon vor 22 Jahren, als er eine kleine, aber für Jugendliche deutungsmächtige Blödelsendung bei dem Musiksender Viva moderierte, für einen Schritt in Richtung kultureller Untergang - und haben ihre Meinung bis heute nicht geändert.

Raab musste immer arbeiten. Für seine Karriere, für die Anerkennung, für den nächsten Gag, für die nächste Show. Fernsehen als Leistungssport.

Aber er ist ehrgeizig. Nicht erst seit „Schlag den Raab“. Viele, die mit ihm gearbeitet haben, sagen sogar, sie hätten noch nie einen ehrgeizigeren Menschen gesehen. Schon sein Entdecker Marcus Wolter war sich schnell sicher: „Er war bereit, Grenzen zu überschreiten.“ Das hat er immer wieder gemacht. In seiner TV-Show nahm er denn auch kaum Rücksicht auf diejenigen, die ihm die Gags lieferten. Er machte sich lustig über die Gäste der damals ­üblichen Nachmittagstalkshows, über Versprecher von Moderatoren des Trash-TV. Er ließ sein Publikum über ein 16-jähriges Mädchen lachen, das mit Nachnamen Loch hieß, und machte sich über sächsischen Dialekt lustig („Maschendrahtzaun“). Ganz nebenbei baute Raab damit seinen eigenen Kosmos. Eigene Witze, eigene Berühmtheiten, ja, sogar eigene Stars. Der Schlagersänger Guildo Horn, der Showpraktikant Elton, der Sänger Max Mutzke, Lena Meyer-Landrut: Alles sind sie Produkte aus dem Raab-Kosmos. Er lud ein zum Boxen, zur „Wok-WM“, zum „Turmspringen“ - und natürlich immer wieder zu „Schlag den Raab“, einer oft fünfstündigen Show, in der Raab gnadenlos kämpfte, um seinen Spielpartner zu besiegen.

Seit ESC-Sieg gilt Raab als Genie

Als der Eurovision Song Contest 2010 in seiner ARD-Gremienhaftigkeit zu erstarren drohte, übernahm Raab - und krönte sein dazugehöriges neues Casting-Format mit dem ESC-Sieg seiner Kandidatin Lena Meyer-Landrut. Spätestens seitdem gilt Raab auch außerhalb seiner eigenen Fernsehwelt als Genie. Tatsächlich wurde bis dahin fast alles, was er anfasste, zu Gold.

2013 bei der Bundestagswahl stand er sogar neben Anne Will beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten - und räumte auch da ab. „Das ist doch keine Haltung zu sagen, ich will nur gestalten, wenn ich King of Kotelett bin“, rief er dem Kanzler-oder-gar-nichts-Kandidaten Peer Steinbrück zu - und selbst die politischen Kommentatoren mussten eingestehen: Raab hatte die Runde bereichert.

Was sollte da noch kommen? Raab selbst sagte bereits vor 20 Jahren in einem Interview, er wolle seinen Kindern nicht irgendwann erzählen, dass das da im Fernsehen der Papa sei, der den lustigen Onkel spiele. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache.“ Nun ist er 48. Vitali Klitschko ist mittlerweile Bürgermeister von Kiew, Gottschalks Couch von „Wetten, dass...?“ gibt es nicht mehr. Und „Naddel“, so kann man bei einer kurzen Recherche auf ihrer Website erfahren, soll man jetzt „schlicht Nadja“ nennen. Weil sie nicht ewig auf die Zeit mit ihrem „Ex“ Bohlen reduziert werden wolle, schreibt sie. Vor 16 Jahren hätte Raab das noch sehr witzig gefunden.

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