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Medien & TV Die Jecken und das Quotentief
Nachrichten Medien & TV Die Jecken und das Quotentief
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08:26 05.03.2014
Von Imre Grimm
Foto: Zwischen selbstgefälligen Sitzungspräsidenten und elektrisch grinsenden Funkenmariechen purzelten 2014 die Quotenminusrekorde.
 Zwischen selbstgefälligen Sitzungspräsidenten und elektrisch grinsenden Funkenmariechen purzelten 2014 die Quotenminusrekorde. Quelle: dpa
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Es mag daran liegen, dass Männer in Pluderhosen und Puffärmeln auf viele Zuschauer eher tragisch wirken als komisch. Es könnte auch sein, dass Pointen aus dem Präkambrium des Humorwesens zwischen frischen Twitter-Gags und Netz-Memes eben nicht angenehm altmodisch und entschleunigt wirken, sondern angemufft und abgelebt. Sicher ist: Den klassischen Karnevalssendungen bei ARD und ZDF mit ihren rotwangigen Helden und braven Kalauern kommen die Zuschauer abhanden. Es sieht so aus, als gehe die alte Gleichung „quietschbunt und laut = höllelustig“ im Jahr 2014 einfach nicht mehr auf. Zwischen selbstgefälligen Sitzungspräsidenten und elektrisch grinsenden Funkenmariechen purzeln die Quotenminusrekorde. Das ist nicht schön für Fans des Genres. Allen anderen aber macht es Hoffnung: Sollte der straff organisierte Frohsinn seinen Zenit endlich überschritten haben? Steht das deutsche Fernsehhumorschaffen gar vor einer Art Erneuerung?

Der Fastnachtsklassiker „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ etwa, der seit 1955 (!) im deutschen Fernsehen läuft, kam am Freitag auf 5,7 Millionen Zuschauer – so wenige wie noch nie seit Beginn der Quotenmessung. Vor einem Jahr hatten noch 6,4 Millionen Menschen zugesehen. Während die Sitzung in den Achtzigern noch regelmäßig rund 20 Millionen Menschen vor den Fernseher lockte und im Einheitsjahr 1990 immerhin noch 13,8 Millionen, erreichen die Mainzer seit Jahren nur noch einstellige Millionenwerte. Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht – nur nicht beim Blick auf die Quoten. Vorbei die Zeiten, als man munter eine ganze Stunde überzog, wie etwa 1964, als das entfesselte Saalpublikum immer wieder den singenden Dachdeckermeister Ernst Hugo Neger mit seiner Hymne „Humba-Täterä“ hören wollte.

Traditionsformate vor dem Aus

Kaum anders erging es den konkurrierenden Traditionsformaten – von „Mer losse d’r Dom in Kölle“ (ZDF, 4,58 Millionen Zuschauer, 520 000 weniger als im Vorjahr) bis „Düsseldorf Helau“ (ARD, 3,94 Millionen Zuschauer, 450 000 weniger als im Vorjahr). Ob „Typisch Kölsch“, „Frankfurt: Helau!“ oder „Bütt an Bord“ – überall fielen die Minusrekorde, hat der Branchendienst Meedia errechnet. Die großen Karnevalssendungen verloren in nur drei Jahren fast 20 Prozent ihrer Zuschauer. Und: Kein einziges Büttenredenformat erreichte bei den jüngeren Zuschauern (14 bis 49 Jahre) auch nur mickrige fünf Prozent Marktanteil.

Wenn es selbst dem gebürtigen Kölner Stefan Raab mit seiner „TV total Prunksitzung“ auf Pro7 nicht gelingt, mit dem  ausgelutschten Genre neue Funken zu schlagen, muss man sich fragen, ob es noch angemessen ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen in der Karnevalszeit weite Teile ihres Hauptabendprogramms mit Sachbearbeitern im Bienenkostüm, Andrea Nahles mit Bauarbeiterhelm und Fips-Asmussen-Schenkelklopfern bestreiten, die auch durch fünfhebige Jamben nicht komischer werden.

Auch am Montagabend musste sich der „Karneval in Köln“ in der ARD (4,38 Millionen Zuschauer) sowohl vom ZDF-Krimi „Die Braut im Schnee“ (5,41 Millionen) als auch von Günther Jauchs RTL-Quiz 5,14 Millionen) schlagen lassen. Zwei Dutzend Mal innerhalb von drei Wochen hieß es bei ARD und ZDF „Alaaf“, „Helau“, „Häbberla Mäh“, „Klappertüt!“, „Knolli Knolli Schabau!“ – oder was der regional verankerte Teilzeitnarr sonst noch ruft. Im WDR und im tiefen Süden fährt man zwar weiterhin gar nicht schlecht mit den Narrenshows.

Der NDR jedoch verzichtet inzwischen ganz auf die Übertragung einer Karnevalssitzung, zeigte nur noch die Umzüge aus Osnabrück und Braunschweig. Und ARD und ZDF? Sollten sich für den Februar 2015 etwas Neues überlegen. Bevor es dramatisch wird.

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