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Medien & TV "Die Simpsons" feiern 20. Geburtstag
Nachrichten Medien & TV "Die Simpsons" feiern 20. Geburtstag
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17:44 15.12.2009
Von Imre Grimm
Ging am 17. Dezember 1989 zum ersten Mal in den USA auf Sendung: die Zeichentrickserie "Die Simpsons".
Ging am 17. Dezember 1989 zum ersten Mal in den USA auf Sendung: die Zeichentrickserie "Die Simpsons". Quelle: Handout
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Der größte Witz ist natürlich, dass sie bei Fox laufen. Ausgerechnet bei Fox, dem rechtskonservativen, neoliberalen, giftig-galligen US-Network von Rupert Murdoch, das sich ansonsten durch eine nahezu einhundertprozentige Unfähigkeit zur Selbstironie auszeichnet. Fox versteht keinen Spaß. Trotzdem dürfen die „Simpsons“-Macher auf Fox Entertainment hemmungslos über den ultrapatriotischen Schwestersender Fox News ablästern – und tun das mit Genuss. Zum Beispiel mit einem fiktiven Nachrichtenticker, der 2003 die Demokraten-Feindlichkeit von Fox News parodierte: „Verursachen Demokraten Krebs? ... JFK posthum der Republikanischen Partei beigetreten ... Studie: 92 Prozent aller Demokraten sind schwul ...“ Erfolg macht unangreifbar.
Die ultimative Unterwerfungsgeste des Medienzaren Murdoch vor den gelben Anarchisten aus Springfield kam dann, als er persönlich als Cartoon-Gast auftrat: „Ich bin Rupert Murdoch, Tyrann und Milliardär.“ Das schaffen nur die „Simpsons“.

20 Jahre nach ihrem schüchternen Debüt ist Amerikas gelbste, unmöglichste und lustigste Familie die erfolgreichste Trickfilmserie aller Zeiten – und ein Milliardengeschäft. Mehr als 2,5 Milliarden Dollar sollen Homer, Marge, Bart (10), Lisa (8), Maggie (1), Hund Knecht Ruprecht, Katze Snowball und die mindestens 162 anderen „Simpsons“-Charaktere im Laufe der Jahre in die Fox-Kasse gespült haben.

Und das, obwohl (oder: gerade weil) vor allem Homer und Bart alle Stilregeln brachen, die der mächtige Disney-Konzern jahrzehntelang für Cartoonfiguren geprägt hatte. Als die „Simpsons“ kamen, bekam Disneys bunte Märchenwelt Risse. Sie waren überfällig. Die „Simpsons“ fluchten, sie lästerten, sie waren biestig, faul, rebellisch und egoistisch – und damit eben viel näher an der menschlichen Wahrheit als Disneys süße, grimmsche Zuckerprinzessinnen von Aschenputtel bis Dornröschen. Sie sind ja nicht wirklich böse. Das ist das kleine Geheimnis, das diese rumpelige, gelbe Bande zusammenhält: Sie lieben einander, wahrscheinlich mehr als die gottesfürchtige Familie von Nachbar Flanders. Die „Simpsons“ sind die am besten funktionierende dysfunktionale Familie der Welt. Umso erstaunlicher, weil zwischen Tochter Lisa (IQ: 156) und Vater Homer (IQ: ???) intellektuell gesehen Welten liegen. (Lisa: „How many roads must a man walk down ...“ – Homer: „Sieben?“ – Lisa: „Dad, das ist eine rhetorische Frage.“ – Homer: „o.k. ... acht.“)

Matt Groening war ein arbeitsloser Comiczeichner und Gelegenheitschauffeur, als er – so will es die Legende – Mitte der achtziger Jahre den Auftrag bekam, einen Pausenfüller für die damals erfolgreiche „Tracey Ullman Show“ zu entwickeln. Seine wackelig gezeichneten, glupschäugigen gelben Helden mit Überbiss und vier Fingern pro Hand, spontan hingeworfen in 15 Minuten auf ein paar Schmierzettel, lösten bei den Fox-Managern Skepsis aus, doch das Publikum entschied anders: Aus den Lückenfüllern wurden Stars, aus der Notlösung eine unzerstörbare Comicserie mit bisher 449 Folgen à 22 Minuten in 21 Staffeln. Die erste Folge lief in den USA am 17. Dezember 1989, Donnerstag vor 20 Jahren. Groening hatte den Animatoren nur skizzenhafte Rohentwürfe vorgelegt – in der Annahme, man würde seine Vorlagen noch „glätten“. Doch das Zeichnerteam übernahm Strich für Strich das Original – das war die Geburtsstunde des zweidimensionalen, kantigen „Simpsons-Stils“, der heute ein Markenzeichen ist.

Die Produktion einer einzigen Episode (seit Staffel 20 in HD) kostet mehr als eine Million Dollar und dauert sechs Monate. Allein die Sprecher verdienen pro Folge jeweils rund 50.000 Dollar. Zahlen, Daten, Preise, Rekorde – aber es sind vor allem zwei Dinge, die die „Simpsons“ zu einem globalen Phänomen gemacht haben: Sie funktionieren auf mehreren Bedeutungsebenen, und sie sind handwerklich perfekt konstruiert. Wenn Baby Maggie im Vorspann an der Supermarktkasse „gescannt“ wird, erscheint exakt der Betrag, den ein Baby in den USA statistisch pro Monat an Unterhalt kostet: 847,63 Dollar.

Groening wurde zeitweise zum Zentralgestirn der westlichen Popkultur. Seine Schöpfung diente als Kristallisationspunkt aller Strömungen der US-Kultur mit einem bisher unerreichten Anspielungsreichtum in Sachen Film, Musik, Kunst, Fernsehen, Literatur und Geschichte. „Die ,Simpsons‘ haben die Bibel und Shakespeare als wichtigste Quellen für Sprichwörter, Schlagwörter und Redewendungen abgelöst“, sagt Mark Liberman, immerhin einer der führenden Sprachwissenschaftler der USA. Sogar Thomas Pynchon, das große Phantom der US-Literatur, ließ sich zu einem Inkognito-„Auftritt“ herab (mit einer Papiertüte über dem Kopf). Die Entschlüsselung des „Simpsons“-Universums ist eine eigene Kulturtechnik geworden. (Homer würde sagen: „Halt die Klappe, Gehirn, oder ich piekse dich mit ’nem Q-Tip!“). Die Show ist eine einzige zynische, bissige, glänzend geschriebene Abrechnung mit den Idealen des „American Way of Life“ – von Sektenführern bis zu „Soccer Moms“, von Fitnessfanatikern bis zu Ökospießern. Mit großer Leichtigkeit entlarven die „Simpsons“ korrupte Politiker, scheinheilige Prediger und doppelbödige Moral. „Nehmt nicht mich!“, ruft Homer, als Aliens ihn entführen wollen. „Ich habe Frau und Kinder! Nehmt die!“

Seit dem 17. November erfreut ein pünktlich zum Jubiläum aufgefrischter, noch rasanterer „Simpsons“-Vorspann das Fanherz. In den USA wird der Geburtstag selbst erst am 10. Januar mit einer Sondersendung gefeiert. „Wir geben uns immer wieder eine Wahnsinnsmühe mit den Dialogen und diesen superfeinen Anspielungen auf Filme und Bücher“, hat Groening mal gesagt. „Aber dann kriegt den größten Lacher doch Homer, wenn er nach seinem Bierchen rülpst.“ Prost. Auf die nächsten 20 Jahre.

Thorsten Fuchs 15.12.2009
14.12.2009
Imre Grimm 10.12.2009