Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Medien & TV Dokumentation zeigt, wo unser Fleisch herkommt
Nachrichten Medien & TV Dokumentation zeigt, wo unser Fleisch herkommt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 29.03.2012
Von Manuel Becker
„Wir haben das Problem, dass wir alle essen wollen“: Schlachthof im dänischen Horsens aus der arte-Doku „Nie wieder Fleisch?“. Quelle: arte
Anzeige
Hannover

In seinem Büro in Brüssel ist die Welt noch in Ordnung. "Bei uns gibt es Tierschutzregeln, die strenger sind als woanders in der Welt", sagt der Sprecher des EU-Agrarkommissars, Roger Waite, stolz. Die EU verfüge über Richtlinien, wie Hühner, Schweine und Rinder geschützt werden sollen, wie sie artgerecht bis zur Schlachtung leben und dann schnell und möglichst schmerzlos sterben. Doch dann wird Waite mit Vorwürfen konfrontiert: dass in Paraguay, wo das Futter für die europäischen Tiere herkommt, Kinder an Pestizidvergiftungen sterben. Oder dass in Afrika die heimischen Märkte zerstört werden, weil Europa billigeres Fleisch exportiert.

"Dürfen wir Tiere essen?" - dieser Frage geht arte am Dienstag ab 20.15 Uhr an einem Themenabend nach. Zwei Jahre hat die Produktionsfirma Heidefilm im Auftrag des NDR recherchiert. Filmemacherin Jutta Pinzler stellt zu Beginn der Dokumentation Menschen in Fußgängerzonen die Frage: "Nie wieder Fleisch?". Fleisch sei gesund, lecker, man brauche es zum Überleben, lauten die Antworten. Rund 42 Millionen Tonnen Fleisch produzieren die Betriebe in Europa jährlich, 70 Kilogramm isst ein Deutscher im Durchschnitt. Aber wo kommt unser täglich Fleisch her?

Anzeige

Der erste Blick geht in einen Geflügelbetrieb. 38.000 Hühner sitzen dort dicht gedrängt am Boden. 29 Tage leben sie im Schnitt. Mit einem Leben von Tieren in freier Natur hat ihres nichts gemein. Sonnenlicht sehen sie in ihrem computergesteuerten Stall nicht, Auslauf haben sie keinen, bewegen können sie sich ohnehin kaum. Es sind Bedingungen, die Tiere krank machen. Daher setzten nach einer Untersuchung der Landesregierung Nordrhein-Westfalen 96,4 Prozent der Landwirte Antibiotika ein. Vergangenes Jahr sorgte die ARD mit ihrer Dokumentation "Das System Wiesenhof" für Aufsehen und Nachdenken. Bilder von Tierschützern, die mit versteckter Kamera in Betriebe eindringen und dort erschütternde Zustände zeigen, liefert Pinzler zwar auch. Sie zeigt aber vor allem den normalen Alltag in Fleischbetrieben, in denen zwar alles rechtlich einwandfrei ist, aber Fragen der Moral und Ethik keine Rolle spielen.

Ein Bauer erklärt, dass er seine Schweine nun nur noch im Stall halte, weil die Sterberate draußen höher sei und die Geburtenrate niedriger. Im Stall bekommen sie - wie es die EU vorschreibt - zur Beschäftigung Spielzeug, das kann aber auch Stroh sein, zumeist nur eine Handvoll. "Wir müssen Geld verdienen", sagt der Bauer. Effizienz steht über allem.

Pinzler zeigt in "Nie wieder Fleisch" auch das Schicksal von Menschen, die von der immer größeren Fleischproduktion betroffen sind. In Paraguay wird in vielen Landstrichen nur noch Soja angebaut, das für die Fütterung der europäischen Tiere vorgesehen ist. Bauern verlieren so ihr Land, Kinder kommen aufgrund der Pestizide mit Missbildungen zur Welt, andere sterben. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht sei es nicht nötig, Fleisch zu essen, sagt eine Wissenschaftlerin in der Doku "Die neuen Vegetarier". Damit in der Fleischindustrie aber ein Umdenken einsetze, müssten mehr als die bisherigen drei Prozent der Deutschen auf Fleisch verzichten. Oder ihnen müsste die (teurere) Qualität wichtiger sein als die Quantität. So macht die Dokumentation zwar nachdenklich, aber führt sie auch zu einem Umdenken? Der EU-Sprecher hat auf diese und die kritischen Fragen eine eigene Antwort: "Wir haben das Problem, dass wir alle essen wollen."