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Medien & TV Die Revolution findet nicht statt
Nachrichten Medien & TV Die Revolution findet nicht statt
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21:04 04.11.2014
Dritte Runde: Die Schauspieler (v. l. n. r.) Ruth Reinecke, Uwe Kockisch, Florian Lukas, Jörg Hartmann und Anna Loos gestern.Foto: dpa
Dritte Runde: Die Schauspieler (v. l. n. r.) Ruth Reinecke, Uwe Kockisch, Florian Lukas, Jörg Hartmann und Anna Loos gestern.Foto: dpa Quelle: Britta Pedersen
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Berlin

Katrin Saß lehnt sich an die holzvertäfelte Wand hinter Erich Mielkes Schreibtisch. Darauf liegt eine maschinengeschriebene Notiz mit dem Datum 10. November 1989. Die Sängerin Dunja Hausmann, so beginnt die Stasi-Notiz, habe den Mauerfall folgendermaßen bewertet: „Unsere Angst ist verflogen, jetzt müssen wir unserem Mut vertrauen, unserer Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit.“

Im Berliner Stasi-Museum wird die dritte Staffel der ARD-Serie „Weissensee“ gedreht. Während sich die Stadt draußen auf die Feierlichkeiten zum 25. Jubiläum des Mauerfalls vorbereitet, wird er drinnen noch einmal nachgespielt - aus der Sicht der Stasi-Familie Kupfer und der oppositionellen Sängerin Hausmann, gespielt von Saß. Die guckt etwas spöttisch auf die ganze Szenerie und sagt: „Wenn die Mauer nicht gefallen wäre, hätten wir keine Filmstoffe.“

Wenn es „Weissensee“ nicht geben würde, hätte die Stasi jedenfalls nicht als Fernsehserienthema reüssiert - und das weit über Deutschland hinaus. Das Format ist international äußerst erfolgreich, sagt Produzentin Regina Ziegler.

„Weissensee“ läuft in Schweden, Italien, sogar in Russland. Nachts in Island an der Tankstelle sei er schon einmal auf seine Rolle als Martin Kupfer angesprochen worden, sagt Schauspieler Florian Lukas.

Der abtrünnige Sohn der Kaderfamilie macht sich in Staffel drei auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter und wird dabei von seiner neuen Freundin unterstützt. Lisa Wagner spielt die Journalistin Katja, eine forsche blonde Westdeutsche. 1989 war Wagner zehn Jahre alt und wusste bis dahin gar nicht, dass überhaupt eine Mauer durch Deutschland ging. Die frühere Stasi-Zentrale hat für sie nichts Bedrohliches an sich, sie freut sich über die Retro-Möbel und findet alles gar nicht so miefig wie befürchtet. Florian Lukas sitzt daneben und beißt sich auf die Lippen. Diese Sorglosigkeit, sagt er dann, hat damals auch die Berliner Partykultur begründet. „Das konnten nur Leute machen, denen nicht sofort beim Geruch des DDR-Linoleums schlecht wurde.“

Am Morgen des 9. November beginnen die neuen „Weissensee“-Folgen, die im kommenden Jahr zu sehen sein werden. Die Hauptpersonen frühstücken und wissen natürlich nicht, was am Abend auf sie zukommt. Uwe Kockisch, der den alten Stasi-General Hans Kupfer spielt, erzählt, wie er selbst am 9. November 1989 in die Kantine des Maxim-Gorki-Theaters ging und erzählte, was Schabowski da gerade gesagt hatte - und was das bedeuten könnte. „Geglaubt hat es mir allerdings keiner.“

Die Staffel endet mit dem Sturm auf die Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990. Dabei zerbricht die Familie Kupfer im Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem vorsichtigen Stasi-General Hans (Kockisch) und dem forschen Sohn Falk (Jörg Hartmann). Dunja Hausmann wird in der Westpresse denunziert - auch sie hatte mit der Stasi zusammengearbeitet, um ihre Tochter zu schützen. Eine tragende Rolle am Runden Tisch bleibt ihr verwehrt. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Aber wird die Revolution überhaupt gezeigt? Warum beginnt die Staffel nicht im Oktober 1989, als die Stasi-Generäle angesichts der Leipziger Demonstrationen zwischen Niederknüppeln oder Nichtstun entscheiden mussten? Eine Antwort auf die Frage bleiben alle Beteiligten schuldig. Aber es geht ja auch nicht um die Revolution, sondern um die zwiespältigen Erfahrungen mit der neuen Freiheit. „Freiheit und ihre Licht- und Schattenseiten sind das große Thema“, sagt Regisseur Friedemann Fromm.

Und daran ließe sich perfekt in einer vierten Staffel anknüpfen. Bereits in Staffel drei schauen sich die Alteigentümer schon einmal die Villa am See an, in der die Kupfers wohnen. Und nachdem die Hauptpersonen die Wende überstanden haben, möchte man ja allzu gerne sehen, wie sie in der neuen Zeit zurechtkommen. Zerbricht Falk Kupfer daran, dass sein Staat untergeht? Oder kommt der forsche Stasi-Karrierist besser mit den neuen Zeiten zurecht als sein unsicherer Bruder Martin? „,Weissensee‘ kann perfekt über Generationen hinaus erzählt werden“, sagt MDR-Fernsehspielchefin Jana Brandt und schließt damit eine Fortsetzung nicht aus. Parallel wird an einem „Weissensee“-Kinofilm gearbeitet.

Von Jan Sternberg

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