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20:10 12.06.2014
Frank Schirrmacher starb überraschend im Alter von 54 Jahren. Quelle: dpa
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Es war ein Herzinfarkt. Als am Donnerstagabend die Nachricht vom Tode Frank Schirrmachers die Runde machte, lobten alle seine Werke. Schirrmacher hat in der Tat viel geliefert; er hat brillante Zeitungsartikel geschrieben und auch Bücher, und er hat nicht nur Redaktionskonferenzen seiner „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) intellektuell dominiert, sondern auch Talkshowrunden im Fernsehen.

Wenn Rummel herrschte um seine Person, konnte er damit gut umgehen. Er wusste, wie man die Augen zusammenkneift, um das Bedeutsame, das man gerade bei einem Interview in eine Kamera sagt,  noch ein bisschen bedeutsamer erscheinen zu lassen.

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Manche in seiner Redaktion hatten damit ein Problem. Von Selbstdarstellung und Selbstvermarktung war gelegentlich die Rede. Schirrmacher habe immer irgendwie den Eindruck verströmt, er sei der Klügste im Raum. „Das Problem ist aber: Er war es tatsächlich“, sagte einer seiner trauernden Kollegen am Donnerstagabend in Frankfurt. Von einer Lücke ist jetzt die Rede, die nicht so schnell zu füllen sein werde.

Schirrmachers Größe lag nicht allein in seiner eigenen Intellektualität, auch nicht allein in der Eleganz, mit der er die Grenzen zwischen Feuilleton und Politik täglich überschritt. Der Einfluss seiner Bücher wurde mitunter auch überschätzt. Dass sich zum Beispiel die Demographiedebatte in Deutschland an seinem Buch „Methusalem-Komplott“ „entzündet“ habe, wie die „FAZ“ in ihrem eigenen Nachruf schreibt, ist ein bisschen übertrieben. Auch mochten längst nicht alle Leser seinen eigenwilligen Spiele-Theorien folgen („Ego – Das Spiel des Lebens“).

Die eigentliche Größe Schirrmachers lag im Alltäglichen. Darin, dass er, wie ein starker Mast im Zelt, als Herausgeber vielen klugen Köpfen Licht und Luft verschaffte. Darin, dass er das „FAZ“-Feuilleton über 20 Jahre hinweg zu einem wunderbar freien Ort machte, zu einem Forum für die wichtigsten intellektuellen Debatten der Republik. Wichtig war ihm nie, ob einer, der sich äußerte, von links oder rechts kam. Entscheidend war: Das Niveau musste stimmen.

Zuletzt ging es im „FAZ“-Feuilleton immer wieder um den Datenschutz und was daraus in Zukunft wird – in einem Zeitalter, in dem die geheimen Dienste an einem sogenannten „Full Take“ arbeiten: der vollständigen Aufzeichnung und Auswertung aller verdächtigen und unverdächtigen digitalen Vorgänge und Signale.

Schirrmacher spürte, dass hier etwas Ungeheures im Gang ist, etwas, das möglicherweise unser gesamtes Leben für immer verändern kann. Droht uns allen das Abrutschen in ein Dasein, in dem Bürger jene kleine Minderheit, von denen sie technisch kontrolliert werden, ihrerseits nicht mehr kontrollieren können? Was macht das aus der Demokratie? Und: Wo bleibt da die Menschenwürde?

Pathos kam ins Spiel, dramatische Formulierungen wurden gefunden, nicht nur von Schirrmacher selbst. Es bleibt  Schirrmachers größter Verdienst, dass er wichtigen Leuten ein Forum verschaffte, von denen im deutschen Sprachraum viele nie gehört hatten. So warnte die Harvard-Professorin Shoshana Zuboff in der Google-Debatte in düstersten Tönen vor nichts Geringerem als dem drohenden Aufstieg einer neuen „absoluten Macht“, der man dringend Grenzen aufzeigen müsse – anderenfalls seien Freiheit und Demokratie beendet.

Schirrmacher war in seinem publizistischen Tun den für andere geltenden Kategorien, etwa entlang innenpolitischer Parteilichkeiten, entstiegen.  Kritisierte er die amerikanischen Daten-Imperien, so wurde dies nie als antiamerikanisch abgetan. Kritisierte er in diesem oder jenem Punkt die SPD, so war dies auch in Ordnung, sogar aus Sicht von deren Vorsitzendem Sigmar Gabriel. Der nämlich war mit Schirrmacher befreundet und sagt: „Seine freiheitliche Sicht auf die Welt hat mir ungeheuer imponiert.“ Jüngst war Gabriel als Gastautor auf Schirrmachers Seiten vertreten. „Jedes Mal, wenn wir mit Google suchen, sucht Google uns“, schrieb Gabriel – und kündigte in einem kämpferischen Beitrag „die Bändigung des Datenkapitalismus“ an.

Dass sich Schirrmacher und Gabriel irgendwann gegenseitig als beeindruckend empfanden, liegt wohl an der intellektuellen Offenheit beider für das ganz andere, für das „Denken außerhalb der Box“, wie die Amerikaner sagen.

Schirrmacher gehörte nicht zu jener Masse von Leuten, die politisch irgendwann links gestartet sind und dann unter dem Eindruck von Erfahrungen im Beruf und in der Familie immer konservativer wurden. Bei ihm war es eher umgekehrt. Viele konservative FAZ-Leser stieß er vor den Kopf, als er angesichts des heillosen Zusammenbruchs von Banken ernsthaft die Frage aufwarf, ob nicht in Wahrheit die Linken immer schon recht gehabt hätten mit ihrer Kritik am kapitalistischen Finanzsystem.

Noch in der Nacht zu Donnerstag schickte Frank Schirrmacher einen Tweet in die Welt, einen Kommentar zum neuen Krieg im Irak und ein Link, der zum Beitrag einer britischen Zeitung führt: „Bilanz des Krieges gegen den Terror: Der Irak fällt in die Hände von Leuten, die selbst Al Qaida zu extrem sind.“

Schirrmachers verwaistes Twitterprofil, das am Abend noch keine Nachricht von seinem Tod zeigte, zeugt davon, wie plötzlich und unerwartet der 54-Jährige  aus dem Leben schied. Mehr als 42.000 Twitter-Nutzer folgten ständig Schirrmachers Einschätzungen zum Weltgeschehen. Den 150. Geburtstag des Komponisten Richard Strauss kommentierte er diese Worte mit den Worten „Was für ein begabter Kegelbruder!“

Mit der Twitter-Nachricht „Wir trauern alle. Noch vor zwei Stunden habe ich ihn besucht“, verkündete Schirrmacher im September 2013 den Tod des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, dem er 1989 als Leiter der Redaktion „Literatur und literarisches Leben“ bei der „FAZ“ nachgefolgt war.

Mit Reich-Ranicki verbindet Schirrmacher auch eine der wichtigsten Feuilletondebatten des Jahrtausends: Schirrmacher weigerte sich 2002, Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ vorab zu veröffentlichen, weil er in der Figur des von einem diffamierten Autoren ermordeten Rezensenten Reich-Ranicki wiederzuerkennen glaubte. Damit löste er eine hitzige Diskussion über antisemitische Klischees und das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion in der Literatur aus. Schirrmacher gelang es immer wieder, die Feuilletonlandschaft mit kontroversen Themen  in Aufruhr zu versetzen.  Groß war etwa der Aufschrei, als der Nobelpreisträger Günter Grass im Jahr 2006 im Interview mit Schirrmacher zugab, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

So prägend war dieser omnipräsente Intellektuelle fürs kulturelle Leben, dass auch das Kanzleramt sich am Donnerstagabend tief verneigte. Kulturstaatsministerin Monika Grütters erklärte im Namen der Bundesregierung: „Die Kultur verliert einen Freund. Wie wenige andere seiner Generation hat Frank Schirrmacher gesellschaftliche Zukunftsthemen erkannt, aufgearbeitet und damit wegweisende Debatten angestoßen.“

In Schirrmachers Zeitung, der „FAZ“, werden sich von heute an in die Würdigungen des Verstorbenen auch bange Fragen nach der Zukunft des Blattes mischen. Das System der fünf Herausgeber, von denen jeder sein Ressort als eigenes Reich betrachtet, gilt als überkommen; die internen Debatten werden begleitet von sinkenden Auflagenzahlen und einem Wechsel in der Geschäftsführung. Am Donnerstagabend war aus der „FAZ“ zu hören, dass die Nachricht von Schirrmachers plötzlichem Tod die Redaktion umso mehr erschüttert habe.

Von Matthias Koch und Nina May

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