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Medien & TV Fernsehfilm: Ein Dorf verschwindet
Nachrichten Medien & TV Fernsehfilm: Ein Dorf verschwindet
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13:37 21.09.2009
Quelle: Sat.1
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Je länger die Zeit der deutschen Teilung zurückliegt, desto unwirklicher erscheint sie. Eine fast unglaubliche Geschichte ereignete sich in Böseckendorf, einer Grenz-Gemeinde im östlichen Eichsfeld. Am Abend des 2. Oktober 1961, wenige Wochen nach dem Bau der Mauer, entschlossen sich 53 Bewohner dieses kleinen Dorfes zur Flucht in den Westen. Gerüchte über eine bevorstehende Zwangsevakuierung und drohende Verhaftungen hatten die Runde gemacht.

14 Bauernfamilien sahen daher keine andere Möglichkeit mehr, als bei Nacht und Nebel mit Pferd und Wagen über die Grenze zu ziehen. Sie ließen viel zurück – nicht nur ihre Kühe und Schweine, ihre Felder und Höfe, sondern auch Freunde und Familienangehörige, die sich zu alt für die Flucht in ein ungewisses Leben fühlten.

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SAT.1 hat diese Massenflucht jetzt zu einem Spielfilm verarbeitet, der am Dienstag, 22. September, um 20.15 Uhr gezeigt wird: „Böseckendorf. Die Nacht, in der ein Dorf verschwand“. Die Böseckendorfer indessen werden sich erstaunt die Augen reiben. Denn die Filmgeschichte hat sich von der realen Geschichte weit entfernt. Im Mittelpunkt steht eine Familie namens Lanz: Manni Lantz (Thure Riefenstein) ist ein linientreuer Bürgermeister und überzeugter Kommunist, seine Frau Tonia (Anna Loos) eine hübsche Lehrerin, die von Paris träumt und DDR-Bürgern zur Flucht verhilft.

Als Manni erfährt, dass er eine Schleuserin zur Frau hat, ist er geschockt. Doch er wendet sich nicht von seiner Frau ab, sondern von seinem Staat. Denn er hat zuvor bereits mitbekommen, dass die SED widerspenstige Dorfbewohner zwangsweise umsiedeln will – und aus seinem Wissen kein Geheimnis gemacht. Als sich herumspricht, was Böseckendorf droht, reift der Plan einer Massenflucht. Ein heikles Unterfangen, zumal sich ein Spitzel unter die Fluchtwilligen gemischt hat.

Viel davon ist frei erfunden, aber allein mit verängstigten Bauern kann man heute im Privatfernsehen wohl zur besten Sendezeit keinen Film mehr machen. Originalgetreu ist nicht einmal die Landschaft: Das Film-Böseckendorf ist nicht im Eichsfeld, sondern in der Nähe von Helmstedt angesiedelt. Sechs Wochen wurde hier im Sommer 2008 unter der Regie von Oliver Dommenget gedreht. Die hannoversche Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft TVN war als Koproduktiionspartner beteiligt, aus der niedersächischen Landeskasse flossen Zuschüsse.

Es hat sich gelohnt. Der Film entfernt sich zwar weit von der historischen Realität, ist aber spannend und erzählt in düsteren, beklemmenden Bildern, wie Menschen unter dem Druck der Verhältnisse zusammenrücken.

Spannung anderer Art bietet eine Dokumentation, die am gleichen Abend um 22.15 Uhr gleich im Anschluss an den Spielfilm gesendet wird: „Grenzfall Böseckendorf. Flucht in letzter Sekunde“. Darin ist zu sehen, wie es wirklich war. Der Film von Falko Korth und Thomas Riedel beleuchtet mit Hilfe von Originalaufnahmen die politische Situation des Jahres 1961 und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen – beteiligte Flüchtlinge ebenso wie Grenzer. So wird anschaulich, wie der Alltag im Sperrgebiet verlief und mit welchen Risiken die Flucht verbunden war. „Natürlich hatte man Angst, dass man erschossen wird“, sagt einer. Besonders bewegend ist, als eine frühere Böseckendorferin, die als Kind an der Flucht teilnahm, Spitzelberichte studiert. Die Frau stellt fest, dass ein Nachbar sie und ihre Familie einst bei der Stasi angeschwärzt hat – ein Mann, der nach wie vor in Böseckendorf lebt.

Damit deutet sich an, dass die Massenflucht von einst immer noch einen Schatten auf die Gegenwart wirft. Auch das Gerangel um Rückgabeforderungen machte die Wiedervereinigung nicht leichter. Ein feiner, aber spürbarer Riss trennt so nach wie vor die Dagebliebenen von den Geflüchteten, die längst andernorts Wurzeln geschlagen haben. Dass ihr kleines Dorf nun einen ganzen Abend lang bei SAT.1 im Mittelpunkt steht, wird daher vermutlich nicht alle Böseckendorfer nur mit Stolz erfüllen.

Von Heinrich Thies