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Medien & TV „Homevideo“ zeigt Auswirkungen von Cyber-Mobbing
Nachrichten Medien & TV „Homevideo“ zeigt Auswirkungen von Cyber-Mobbing
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20:10 18.10.2011
In dem beklemmenden Fernsehfilm „Homevideo“ wird ein 15-Jähriger Opfer von Cyber-Mobbing.
In dem beklemmenden Fernsehfilm „Homevideo“ wird ein 15-Jähriger Opfer von Cyber-Mobbing. Quelle: ARD
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Glaubt man einer Studie der Uni Münster, waren 30 Prozent der deutschen Heranwachsenden schon einmal Opfer von Mobbing mithilfe von Handys, E-Mails oder den sozialen Netzwerken im Internet. Im Gegensatz zum Hänseln auf dem Schulhof in früheren Zeiten kennt das Cyber-Mobbing keine zeitlichen Pausen und keine räumlichen Grenzen. Mit „Homevideo“ thematisiert nun erstmals ein Fernsehfilm dieses Phänomen.

Der sensible, introvertierte Protagonist Jakob (Jonas Nay) hat viele Probleme. Er pubertiert, das allein reicht, um sich verloren zu fühlen. Er ist in Hannah (Sophia Boehme) verliebt, aber traut sich nicht, sie anzusprechen. Und seine Eltern Claas (Wotan Wilke Möhring) und Irina (Nicole Marischka) streiten ununterbrochen. Nur seine Videokamera hilft ihm ein wenig im unsicheren Alltag, an ihr hält sich Jakob fest. Er filmt alles, was ihn bewegt.

Dann folgt die Katastrophe: Die Videokamera ist weg. Seine Mutter hat sie gedankenverloren an seinen Kumpel Erik verliehen – mitsamt Speicherkarte. Neben allerhand Nebensächlichem finden Erik und dessen Freund Henry eine kompromittierende Szene: Jakob hat sich beim Onanieren gefilmt und Hannahs Namen in die Kamera gehaucht.

Die beiden Klassenkameraden haben Jakobs Schicksal nun in der Hand: Erik ist es unangenehm, in Jakobs Privatsphäre eingedrungen zu sein. Er schmeißt den Chip weg. Henry aber, nicht nur in dieser Szene moralisch verkommen, angelt die Speicherkarte aus dem Papierkorb und belehrt den Freund: „Das ist Herrschaftswissen.“ Als Jakobs Vater, ein Polizist, die Karte zurückholt, hat Henry das Video längst auf seinem Rechner – und stellt es ins Netz.

Der enorm beklemmende Film zeigt nun zum einen, mit welcher Wucht der Spott der Masse verstärkt durch das Internet Jakob überrollt. Jeder, wirklich jeder seiner Mitschüler kann das kompromittierende Video sehen, im Netz und auf dem Handy. Jakob wird in der Schule ausgelacht, ausgegrenzt. Auch Hannah, der er zwischendurch nähergekommen ist, wendet sich von ihm ab, Hassmails verfolgen ihn bis ins Kinderzimmer. Jakobs Wut entlädt sich in einer Prügelei zwischen ihm und einem seiner Mitschüler, der das Video überall herumzeigt. Jakob will ihm, so scheint es, das Video aus dem Körper prügeln. Doch es ist aussichtslos, der Film steht im Internet. Und das lässt sich nicht fassen.

Zum anderen zeigt „Homevideo“, wie hilflos Jakobs Eltern, Lehrer und andere Erwachsene auf die Situation reagieren. Sie erkennen zwar, dass der Junge Hilfe braucht. Doch sie finden keinen Zugang zu ihm und wissen zu wenig über die Parallelwelt Internet. Selbst diese Barriere aber wäre zu überwinden, wenn die Eltern ihrem Kind zuhörten und sie ihm in dieser aussichtslos erscheinenden Situation Halt geben könnten. Doch das Bemühen der Eltern ist nichts mehr als hilfloser Aktionismus. Ihren Dauerstreit legen sie auch in dieser Krisenzeit nicht bei. „Die Charaktere in ,Homevideo‘ sind wie Einzeller, die verlernt oder vergessen haben, wie man zusammenhält“, sagt Regisseur Kilian Riedhof. So taumelt der halt- und hilflose Jakob immer mehr in Richtung Abgrund.

Dieser Film tut weh. Jan Brarens Drehbuch kommt fast ohne Klischees aus und bleibt nah an den Charakteren. Dass „Homevideo“ so realistisch, berührend und bedrückend wirkt, liegt aber vor allem an dem herausragenden Hauptdarsteller Jonas Nay. Der Film, der mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, kann dabei helfen, in den Familien und Schulen offen mit dem Thema Cyber-Mobbing umzugehen. Es ist dringend notwendig.
Direkt im Anschluss diskutiert Anne Will um 21.45 Uhr mit Gästen über das Thema „Mobbing im Internet“.

Kristian Teetz

18.10.2011
18.10.2011
18.10.2011