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00:17 29.03.2015
Von Imre Grimm
Johannes B. Kerner scheint  an einer TV-Karriere kein  großes Interesse mehr zu haben. Jetzt guckt er brütenden Tieren zu.
Johannes B. Kerner scheint  an einer TV-Karriere kein großes Interesse mehr zu haben. Jetzt guckt er brütenden Tieren zu. Quelle: Caroline Seidel
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Elf Jahre lang führte er durch seine eigene Talkshow. Zwölf Jahre lang begleitete er souverän Fußball-Länderspiele, Champions League, Olympia. Vier Jahre lang briet, buk und brutzelte er – auf dem Höhepunkt der Kochshow-Welle – mit diversen Köchen in „Kerner kocht“. Sein Karriereweg in den letzten 23 Jahren glich einem stabil schwingenden Pendel zwischen zwei Polen: Sat.1, ZDF, Sat.1, ZDF.

Aber dann schien es, als ob das Pendel plötzlich auf halbem Weg an Schwung verlor und reglos im Niemandsland einer ins Stocken geratenen Karriere hing. Und man fragt sich, wer dieser blonde Mann ist, der da seit einigen Wochen versucht, im ZDF wieder Fuß zu fassen, gestern Abend gerade wieder in der Show „Der Quiz-Champion“. Johannes B. Kerner jedenfalls kann es kaum sein. Etwas ist schiefgegangen.

Es gab schon früher Krisen. 2007 beim heftig diskutierten Rauswurf von Eva Herman aus seiner ZDF-Talkrunde. Oder im Dezember 2010, als er sich als glückloser Sat.1-Rückkehrer mit einer fast propagandistisch anmutenden Talkshow aus Afghanistan vor dem damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und seiner Frau Stephanie in den Staub warf.

Zum folgenreichsten Fiasko aber geriet sein Comebackversuch 2014 beim ZDF – die Neuauflage der klassischen Rankingshow „Unsere Besten!“ unter dem Namen „Deutschlands Beste!“. Ohne sein persönliches Zutun – was die Sache erst recht tragisch macht – gab es massive Manipulationen, gefälschte Ranglisten, dann ungeschickte Aufklärung und peinliche Rechtfertigungen. Und mittendrin: ein Moderator, der wirkte, als seien ihm die Dinge entglitten, als sei er als Präsentator nur für ein bisschen Sprechtext zuständig.

Was Kerner seither anfasst, gerät zur Pleite. Das ZDF hütete sich, seine neue Samstagabendshow „Das Spiel beginnt!“ zum potenziellen „Wetten, dass ...?“-Nachfolger hochzujazzen. Das Echo nach der Erstausgabe am 7. März war trotzdem verheerend. Emma Schweiger (12) als würfelnde Ko-Moderatorin, Kerner selbst mit Zwangslachfältchen als alarmistischer Verkäufer einer unterirdischen Showidee – es war nur schwer auszuhalten. Gesellschaftsspiele, Kinder, bunte Sachen – das war so bieder, so öffentlich-rechtlich, so spaßfern und altbacken, dass man sich fragen musste, ob der zuletzt aufkeimende Innovationsgeist beim ZDF wieder in seiner Flasche verschwunden war. Und wie ein Hollywoodstar, der mit sicherem Griff immer die falsche Rolle erwischt, scheint es Kerner zu gelingen, auch „Das Spiel beginnt!“ noch zu unterbieten.

„Das große Schlüpfen“ heißt am Mittwoch sein neuester Coup. Es geht (Ostern! Frühling!) um Livebilder von brütenden Tieren. Kerner kommentiert schlüpfende Enten, Insekten und Reptilien. Dazu geben „prominente Gäste Einblicke in Tierschutzprojekte“, heißt es beim ZDF. Echt jetzt? Millionen Menschen warten gemeinsam, bis das Ei knackt? Putt, putt, Promis, Kinder, Tiere – passt schon? Die Sendung läuft am 1. April. Kurz durfte man hoffen, es handele sich um einen Scherz. Am 2. Mai dann folgt Kerners nächster Samstagabendversuch: In der ZDF-Show „1000 –Wer wird die Nummer 1“ treten 1000 Kandidaten bei diversen Spielchen gegeneinander an. Offenbar in der Hoffnung, dass es die Masse schon machen werde.

„Das große Schlüpfen“

 ZDF
Tiershow mit Johannes B. Kerner
Mittwoch, 1. April, 20.15 Uhr

Lange beherrschten brave, charmante, eigenschaftsarme Allzweckmoderatoren das TV-Entertainment. Jörg Pilawa. Kai Pflaume. Markus Lanz. Kerner. Stefan Gödde. Freundliche Geflügelaufschnitttypen, die jedes Anecken vermeiden. Aber sie haben es inzwischen schwer. Kante ist wieder gefragt. Pilawa hat sich mit seinem Quizonkelruf abgefunden. Kerner kämpft. Markus Lanz‘ Schicksal wird als bekannt vorausgesetzt. Und selbst Günther Jauch, dem nie etwas zu misslingen schien, werden handwerkliche Fehler und populistische Vereinfachung in seiner ARD-Sonntagstalkshow zunehmend persönlich angelastet.

Natürlich ist der Ansatz sinnvoll, in Zeiten hoch individualisierter  Mediennutzung auf Shows für die ganze Familie zu setzen. Aber es gibt kein Entertainmentgesetz der Welt, das vorschreibt, dass eine öffentlich-rechtliche „Familienshow“ aussehen muss wie ein bunter Nachmittag im Dorfgemeinschaftshaus, bei dem angeschickerte Erwachsene altkluge Kinder absichtlich gewinnen lassen, nur eben mit Elefanten und Veronica Ferres.

Die Wahrheit ist, dass eine ernst gemeinte Unterhaltungssendung ohne jede Ironie, ohne Doppelbödigkeit, Subtext und lustvolle Decodierung bei weiten Teilen der Zuschauerschaft keine Chance mehr hat. Die permanente Unterforderung des Publikums aber hat vor allem einen Effekt: Sie führt dazu, dass das Medium Fernsehen sein Alleinstellungsmerkmal als gemeinschaftsstiftende Institution noch schneller verliert. In diesem Auflösungsprozess ist Johannes B. Kerner nur noch der Totengräber.

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