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Medien & TV Ein Wort kann eine Brücke sein
Nachrichten Medien & TV Ein Wort kann eine Brücke sein
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07:44 05.01.2015
Von Marina Kormbaki
Wie geht's richtig? Wir geben Formulierungshilfen.
Wie geht's richtig? Wir geben Formulierungshilfen. Quelle: fotolia
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Ihre Zusammensetzung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark gewandelt, die Gesellschaft ist differenzierter geworden, aber die Alltagssprache, so scheint es, kommt mit dem Tempo dieses Wandels nicht ganz mit. Sieht jemand nicht danach aus, als sei sein Stammbaum seit Generationen diesseits der Alpen verwurzelt, oder ist Träger eines Nachnamens mit ungewohnter Konsonantenhäufung, bekommt er gern mal einen „Migrationshintergrund“ ans Revers geheftet, eine Zuschreibung mit begrenzter Aussagefähigkeit.

Die Suche nach dem richtigen Wort kann anstrengend sein. Man kann natürlich davon absehen und alle irgendwie anderen zu „Ausländern“ erklären, auf die „linke Gesinnungspolizei“ und ihr „Diktat der politischen Korrektheit“ schimpfen und das Gezeter am besten als Buch herausgeben. Solche Publikationen verkaufen sich derzeit gut.

Man kann sich aber auch die Mühe machen und ein Glossar herausgeben, das mit großer Ernsthaftigkeit die Begriffe zur Integrationsdebatte erläutert und auf ihren Bezug in Geschichte, Politik und Statistik verweist. So hat es jetzt der Verein „Neue deutsche Medienmacher“ gemacht, ein Zusammenschluss von Journalisten, die sich - nicht nur, aber auch bedingt durch ihre eigenen Biografien - in ihren Texten mit Einwanderung, Integration und Migrantencommunities beschäftigen. In der Broschüre sind knapp 120 Begriffe aufgelistet, und schon diese Liste gibt einen guten Eindruck vom Facettenreichtum der deutschen Einwanderungsgesellschaft: von A wie „Afrodeutsche“ über M wie „mutmaßlicher Islamist“bis hin zu Z wie „Zuwanderer“.

Nun sind Journalisten eine recht selbstbewusste Berufsgruppe, die sich ungern bis gar nicht vorschreiben lässt, wie und was sie zu schreiben hat. Wozu also dieses Glossar? „Wir schreiben niemanden etwas vor“, sagt Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin des Vereins Neue deutsche Medienmacher. „Wir bieten Vorschläge und Erläuterungen an. Selbstverständlich kann und soll jeder schreiben, was er will, aber gerade Journalisten, deren Handwerkszeug ja die Sprache ist, sollten eine bewusste und gut informierte Entscheidung für oder gegen einen Ausdruck treffen.“

Das Glossar ist in Zusammenarbeit mit Experten aus der Verwaltung, aus Politik und Wissenschaft entstanden. „Die Broschüre ist von Kollegen für Kollegen gemacht“, sagt Vassiliou-Enz, „wir legen großen Wert darauf, dass wir dabei unabhängig vorgegangen sind.“ Unvergessen ist in der Branche der Versuch der damals neu ins Amt gekommenen niedersächsischen CDU-Integrationsministerin Aygül Özkan, die 2010 mit einer „Mediencharta“ Publizisten zu „kultursensibler Sprache“ anhalten wollte. Gleich war von Zensur die Rede, die Sache endete im Fiasko. „Wir bieten lediglich Formulierungshilfen“, sagt Vassiliou-Enz. „Natürlich kann ein Kollege nicht ohne jede Erläuterung einen Ausdruck wie ,People of Color’ gebrauchen, deshalb schlagen wir als Alternative ,Schwarze Menschen’ vor, das ist genauso politisch korrekt, jeder Leser versteht es - und damit kann man sich einen Begriff wie ,Farbige’ sparen, denn der stammt aus der Kolonialzeit und ist entsprechend negativ besetzt.“

Die Wortwahl schafft mitunter Wirklichkeit, und das kann - etwa in der Berichterstattung über Straftaten - ungewollte Folgen haben. Mutmaßungen wie etwa jene, wonach der Verdächtige „ein südländisches Aussehen“ hat, „mit türkischem Akzent“ spricht oder „osteuropäischer Herkunft“ ist, tragen meist wenig zur Ermittlungsarbeit der Polizei bei, nähren aber Vorurteile und Klischees. Auch darum geht es in dem Heft.

Eine zweite Auflage ist schon in Vorbereitung, bald soll das Glossar auch im Netz und als App erscheinen - die Nachfrage ist groß, nicht nur bei Journalisten: „Das LKA Baden-Württemberg hat einige Exemplare bestellt, der Lesben- und Schwulenverband, aber auch Lehrer, die das Glossar im Unterricht einsetzen möchten“, sagt Vassiliou-Enz. Der Redebedarf ist offenbar groß.

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