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Medien & TV Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab bei „Wetten, dass ..?“
Nachrichten Medien & TV Lena Meyer-Landrut und Stefan Raab bei „Wetten, dass ..?“
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19:56 28.03.2010
„Du hast Talent, und aus England hast du keine Konkurrenz“: Musicalkomponist Andrew Lloyd-Webber über Lena, Hannovers Star für Oslo. Quelle: ap
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elten prallten die Vorstellungen von großer Fernsehunterhaltung so direkt aufeinander, wie am vergangenen Sonnabend bei „Wetten, dass ...?“. Moderator Thomas Gottschalk gab in Salzburg den Hochkulturkenner, Mozart-Verehrer und Couch-Charmeur mit Samtfrack und Fliege und begrüßte mit spürbarem Zähneknirschen Stefan Raab. Eben jenen Raab, der mit Abfahrtsrennen im Küchen-Wok, Wettbewerben im Spaghetti-Schnellspeisen und dem öffentlichen Grinsen über all das, was dem ZDF heilig ist, vom TV-Anarchisten zum potenziellen Gottschalk-Nachfolger aufgestiegen ist.

Nun saß er in Jeans und legerem Sakko auf Gottschalks Wettsofa und fühlte sich sichtlich wohl. Das Aufeinandertreffen wirkte wie eine Begegnung der alten mit der neuen Fernsehwelt, eine öffentliche Gegenüberstellung altehrwürdigen Unterhaltungskitts auf Massenkompatibilitätsbasis und durchironisierter Persiflage des Ganzen. Eine Art „Schlag den Gottschalk“. Zumindest hielt der Zweikampf die Zuschauer vom Einschlafen ab.

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Nach ersten Sticheleien gegen Raab und dessen Castingshow „Unser Star für Oslo“ („Es kann ja noch in die Hose gehen, und das wollen wir ja nicht hoffen“, so Gottschalk mit fiesem Lächeln) ging es los: „Wer hätte gedacht, dass aus so einem Typen mit so einer Frisur einmal der größte Entertainer des deutschen Fernsehens wird“, ätzte Raab. „Mit deiner Frisur kann man auch nur Metzger werden“, konterte Gottschalk und spielte auf Raabs Ausbildung an. „In dieser Funktion bin ich ja auch hier“, drohte Raab. Gottschalk zischte nur noch: „Sei vorsichtig!“

Dass Raab überhaupt in der Sendung saß, war seiner Funktion als Initiator von „Unser Star für Oslo“ geschuldet, in der er den deutschen Beitrag für den Eurovision Song Contest suchte und fand: die hannoversche Sängerin Lena Meyer-Landrut. Im knappen Abendkleid und mit hohen Absätzen trug sie ihren Song „Satellite“ vor, drehte sich kurz vor Liedende schwungvoll um sich selbst und „uuuuhuuute“ einmal kräftig ins Mikrofon: Lenas erfrischende Begrüßung des ZDF-Sonnabendabendpublikums.

Dafür unterbrach sie gern das Lernen fürs Abitur und die eingelegte Interviewpause. Dafür durfte sie auch anschließend auf Gottschalks Sofa. Und was machte der? Beglückwünschte Lena und fragte, warum sie nichts Privates von sich erzählt. „Ich habe bei Stefan mitgemacht, weil es um die Musik und Oslo ging“, erklärte die 18-Jährige selbstbewusst. Viele Menschen wollten nun Persönliches wissen. Die „Bild am Sonntag“ recherchierte zum Beispiel knallhart bei dem Friseur, der Lena im Alter von neun Jahren die Haare schnitt: „Meistens habe ich ihr nur die Spitzen geschnitten, in dem Alter wollen Mädchen ja immer lange Haare haben.“ „Aber was hat mein Privatleben mit meiner Musik zu tun?“, fragte Lena Gottschalk. Dem fehlte eine Antwort. Raab grinste.

Auch sonst lief die Show für Gottschalk nicht optimal. Er unterbrach seine Gäste unerträglich oft, verlor schnell den Faden, wirkte neben Mitmoderatorin Michelle Hunziker – die nur durch ausschweifende Sissi-Kleider an diesem Abend auffiel – hilflos und scheiterte in seiner Paradedisziplin, seine Gäste und ihren neuesten Projekte in Szene zu setzen. So wird der Zuschauer von Olympiasiegerin Maria Riesch nur in Erinnerung behalten, dass sie nach Gottschalks Einschätzung ziemlich groß geraten ist. Opernsängerin Anna Netrebko bestätigte ihm, Noten lesen zu können, und zum neuen Film der Oscar-Preisträgerin Emma Thompson fiel Gottschalk nur eine Bemerkung zu Lena ein: „Schau, ein Kinderfilm, das ist doch was für dich!“ Dramaturgischer Höhepunkt: Indierock-Sängerin Beth Ditto setzte sich auf Schlagerbarde Hansi Hinterseer.

Ditto war es auch, die Raab anbot, in dessen Show „Schlag den Raab“ zum Hotdog-Wettessen zu kommen. „Keine Verabredungen für Fremdsendungen“, eifersüchtelte Gottschalk und versuchte sich weiter auf seine fehlenden Fragen zu konzentrieren. Doch selbst Musicalkomponist Andrew Lloyd Webber ignorierte diese irgendwann, um Raabs Schützling Lena zum Auftritt zu gratulieren: „Du hast Talent, und aus England hast du keine Konkurrenz“, lobte Webber. Lena lächelte verlegen. Gottschalk blieben die Wetten.

Ein Chinese sprang aus dem Stand auf rohe Eier, Matthias Jahn lief schneller 27 Stockwerke Treppen hoch, als ein Einrad-Profi hinunterfahren konnte, und Thorsten von Scheid erkannte Wurstsorten am Geschmack des Wurstwassers aus Weingläsern. Wettkönig wurde Studienrat Günther von Lojewski. Er konnte sich binnen Sekunden Sternbilder mit 5000 Sternen merken und erkennen, wenn ein Stern fehlte. Beeindruckend.

Musikalisch wurden die Wetten von Auftritten des Pop-Hippies Shakira und den Scorpions begleitet. Die Hannoveraner trommelten mit der Rockballade „The good die young“ für ihre Abschiedstournee. Gottschalk kündigte sie als ehemalige Vorband von Bon Jovi an. Dass er die erfolgreichste Band Deutschlands vor sich hatte, blieb dem Moderator verborgen.

Als Gottschalk Lena zum Abschied statt die Hand zu geben wie einen Jugendlichen abklatschen wollte, bemerkte die Hannoveranerin nur ironisch: „Oh, machen wir jetzt den Coolengruß?“ Gottschalk erwiderte: „So was macht ihr doch beim Raab.“ Lena rollte mit den Augen. Und einmal mehr wirkte der Meister der Abendunterhaltung einfach nur sehr, sehr alt.

Jan Sedelies