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Medien & TV Mediaset und Time Warner wollen den „Big Brother“-Erfinder kaufen
Nachrichten Medien & TV Mediaset und Time Warner wollen den „Big Brother“-Erfinder kaufen
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19:13 06.11.2011
Das waren noch Zeiten: Guido Westerwelle mit Whiskey im Oktober 2000 im „Big Brother“-Container auf der Suche nach Jungwählern. Quelle: dpa
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Berlusconi hat dabei die Nase vorn, weil Mediaset bereits zu einem Drittel an Endemol beteiligt ist. Die anderen Anteile liegen ebenfalls zu je einem Drittel bei der Investmentbank Goldman Sachs und der niederländischen Investmentgesellschaft Cyrte, die dem Endemol-Gründer John de Mol gehört – dem Bruder von Linda de Mol („Traumhochzeit“, RTL).

Endemol bestätigte am Wochenende, dass Time Warner eine Kaufofferte vorgelegt hat. Wie aus niederländischen Medienkreisen zu hören ist, wollen die Amerikaner eine Milliarde Euro für Endemol zahlen – und den riesigen Schuldenberg in Höhe von 2,8 Milliarden Euro, den die Firma angehäuft hat, mit übernehmen. Zu welchen Bedingungen sich Berlusconi Endemol einverleiben will, ist unklar. Aber auch Mediaset soll bereit sein, die Milliardenschulden von Endemol zu übernehmen.

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Endemol ist einer der größten TV-Produzenten der Welt. Weltberühmt und sehr erfolgreich wurde das Unternehmen noch unter Leitung seiner Gründer, John de Mol und Joop van den Ende, vor allem durch „Big Brother“. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs verkauften beide ihre Anteile. Die spanische Telefonica zahlte für den niederländischen TV-Produzenten im Jahr 2000 sage und schreibe 5,5 Milliarden Euro – natürlich in der Hoffnung, Endemol könne Welterfolge wie „Big Brother“ am laufenden Band produzieren. Das aber war sechs Jahre lang nicht der Fall. Telefonica war von dem Neuerwerb enttäuscht, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich Firmengründer John de Mol aus dem operativen TV-Geschäft zurückzog. Die Spanier schrieben ihre Verluste ab und verkauften Endemol 2007 an die heutigen Eigentümer Goldman Sachs, Mediaset und die holländische Holding Cyrte, die John de Mol gehört; zum Preis von 2,8 Milliarden Euro. John de Mol hatte ein Drittel seines TV-Kindes zurück, war aber durch den Deal mit Telefonica zum Milliardär geworden. Ein genialer Schachzug.

Außer „Big Brother“ produziert Endemol TV-Serien wie die RTL-Endlossoap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten, „Feine Freundinnen“, „All You Need Is Love“ und „Secret Story“. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Firma einen Jahresumsatz von 1,25 Milliarden Euro und einen Gewinn von 153 Millionen Euro. Dass das TV-Unternehmen trotz seiner noch immer erfolgreichen Serien so hohe Schulden hat, liegt daran, dass die drei neuen Eigentümer dem Unternehmen einst viel Schulden aufgebrummt haben, um den Kaufpreis finanzieren zu können. Hauptgläubiger von Endemol sind die Royal Bank of Scotland RBS, die Barclays Bank sowie die Investmentgesellschaften Apollo und Centrebridge und Miteigentümer Goldman Sachs.

Derzeit ist Endemol de facto führungslos, nachdem der bisherige Geschäftsführer Ynon Kreiz im Juni überraschend zurücktrat. Ein Nachfolger für Kreiz wird immer noch gesucht. Weiterer Minuspunkt für Endemol: Das TV-Produktionsunternehmen ist seit dem Verkauf an die spanische Telefonica nicht mehr an der Börse notiert. Endemol kommt daher nur schwer an neues Geld, um das Risiko auf sich nehmen zu können, neue TV-Serien und -Formate zu entwickeln. Formatentwicklung verschlingt anfangs immer viel Geld, bevor die Neuheiten – wenn sie beim Publikum ankommen – ihre Schöpfer reich machen können. Unter dem Dach von Mediengiganten wie Time Warner oder Mediaset könnte sich das ändern. John de Mol jedenfalls scheint an seinem einstigen „Love Baby“ Endemol, an dem er wieder zu einem Drittel beteiligt ist, nur noch ein strategisches Interesse zu haben. Denn mit seiner eigenen, neuen TV-Firma Talpa entwickelt und verkauft er wieder von ihm selbst entwickelte TV-Formate und -Serien – und macht sich künftig quasi selbst Konkurrenz.

Helmut Hetzel