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00:22 19.05.2014
Auge in Auge mit dem Abfallbeseitigungstrupp: Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) befragt die Jungs von der Stadtreinigung. Quelle: ARD
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Gerne nutzen Städte die Popularität des „Tatorts“, um ihre touristischen Brennpunkte trotz Mord und Totschlag in ein rosiges Licht zu rücken. Die Freie Hansestadt Bremen betreibt hier weit mutigeres Marketing. Zum zweiten Mal in Folge zeigt der bremische Sonntagskrimi eine vom Verbrechen durchsetzte Stadt.

Fans erinnern sich: In der vorigen Folge ermittelten Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) gegen einen mafiösen Clan, der in diesem Baltimore an der Weser nicht nur das Drogengeschäft, sondern auch die Justiz in der Tasche hat. In der neuen Folge „Alle meine Jungs“ verschlägt es die Ermittler in eine andere düstere Parallelgesellschaft: eine Straße voller Ex-Knackis, die allesamt Jobs bei der Müllabfuhr haben. Eine mafiöse Struktur, an deren Spitze ein Bewährungshelfer (Roeland Wiesnekker) steht, den alle nur „Papa“ nennen. Und der mit dem Chef des Müllunternehmens zusammen auf der Uni war.

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„Müll ist Gold“, sagt der Vorarbeiter der Abfallkutscher, Pawel Szymanek (Hendrik Arnst), zu Stedefreund. Um dieses Gold herum hat „Papa“ mit allen seinen Jungs eine Gesellschaft aufgezogen, in der es allen gut geht: genug Geld, gemütliche Häuschen, Fleisch auf dem Grill und Bier im Kühlschrank. Nur wer aus der Reihe tanzt, wird altmodisch dorthin zurückgebracht. Meistens reicht eine Runde zwanzig gegen einen. Manchmal aber geht das schief, und der eine steht nicht mehr auf. Dumm nur, wenn das auf einem Handyvideo festgehalten wird und alle erpressbar werden.

Dann liegt Müllmann Maik Decker erstochen neben seinem Lastwagen. Die Kollegen reagieren verdächtig gefasst und äußerst schweigsam, als Lürsen und Stedefreund ihnen die Nachricht überbringen. Nur Sascha (Jacob Matschenz) hat Skrupel, erwägt eine Aussage – und lebt fortan in Gefahr. Seine Schwester Yvonne (Genija Rykova) warnt ihn davor, das System aufs Spiel zu setzen. Der einfältige Sascha zögert und macht in der Folge alles noch schlimmer.

Regisseur Florian Baxmeyer, der bereits seit Jahren für den Bremer „Tatort“ arbeitet, entwirft ein stimmiges Bild der mafiösen Gesellschaft, in der es bei jeder Demütigung nur ein Motto gibt: Durchhalten! Und: Zusammenhalten! Die altbekannten Versatzstücke jeder Mafiageschichte funktionieren auch im rauen Müllkutschermilieu. Der diabolische „Papa“ mit seiner Gutmenschen-Attitüde, der gerne bei Bier und Labskaus in einem schmuddeligen Chinarestaurant empfängt, sorgt für den Ekelfaktor.

Warum Maik Decker genau sterben musste, interessiert jedoch bald keinen mehr (kann aber ab Sonntag im Onlinespiel „Tatort: Dein Auftrag“ von Radio Bremen vertieft werden). Schnell geht es Lürsen und Stedefreund darum, die ganze Minimafia zu sprengen. Allzu sehr aber schwelgt der Film in der Darstellung der Prügeleien, Demütigungen und Racheakte dieser wenig ehrenwerten Gesellschaft. Da wirkt das wilde, kaputte Film-Bremen schnell nur ermüdend.

Beängstigend brutal,  aber bemerkenswert gut spielt Patrick Abozen den stets grinsenden Müllwerker Tarik als den Mann fürs ganz Grobe. Im Kölner „Tatort“ war Abozen zuletzt als Nachfolger der ermordeten Kommissariatsassistentin Franziska zu sehen. In Bremen steht er nun auf der anderen Seite. Und sticht auch hier heraus.

Muss Bremen um sein Image fürchten?

So diskutiert die Politik den „Tatort“: Bremen ist düster und kaputt, von kriminellen Clans und einer Müllmafia beherrscht. Und Kommissar Stedefreund (Oliver Mommsen, Bild) schießt sich den Weg frei. So könnte man die liebliche Hansestadt an der Weser nach den letzten beiden „Tatort“-Folgen wahrnehmen.

Schadet das Krimi-Flaggschiff des städtischen Senders Radio Bremen dem Image der Stadt? Ulrike Hiller leitet die Bremer Landesvertretung in Berlin, dort lief die Premiere der aktuellen Folge. Sie reagiert souverän: „Ich finde, dass Bremen beim Tatort keinesfalls schlecht wegkommt“, sagt sie. Die oppositionelle Landes-CDU erregt sich schon mehr, wenn auch hanseatisch zurückhaltend. „Einige Innenpolitiker waren nicht ganz glücklich mit der Darstellung der Polizei in der letzten Folge“, sagt der CDU-Medienpolitiker Claas Rohmeyer. In der Folge „Brüder“, unverkennbar angelehnt an die Machenschaften des kriminellen Miri-Clans, kapitulierten die Ordnungshüter vor der Gewalt. „Ein böses schwarzes Märchen“, hat Regisseur Florian Baxmeyer den Film genannt, und so sieht ihn auch Rohmeyer.

Doch Bremen ist nicht die einzige Stadt, die im „Tatort“ leiden muss. In der Hannover-Folge „Wegwerfmädchen“ beispielsweise ermittelte Maria Furtwängler in einer Stadt, die durchsetzt war von mafiösen Strukturen. Hannovers Tourismuschef Hans Nolte war wenig begeistert. Doch das ist noch gar nichts gegen die Sorgen, die man sich seit über 30 Jahren in Duisburg macht. Hat „Tatort“-Trinker Horst Schimanski (Götz George) das Image der Ruhrpottmetropole wirklich nachhaltig zerstört? Zumindest sah man sich vor Jahren genötigt, eine Richtigstellung auf der Stadthomepage zu veröffentlichen. Davon ist man in Bremen weit entfernt.

Von Jan Sternberg

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