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Medien & TV Spaß muss sein
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00:21 11.10.2014
Von Imre Grimm
Christian Ehring präsentiert die Satireshow „extra 3“ ab sofort im Ersten.  Quelle: dpa
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Hamburg

Doch, selbst in der Pressestelle des NDR haben sie ab und zu Spaß bei der Arbeit. Da kommt also die NDR-Satiresendung „extra 3“ endlich ins Erste – und an der Rothenbaumchaussee in Hamburg tippt man eine kecke Pressemitteilung: „Nach einer kurzen, intensiven Testphase von 38 Jahren im NDR-Humorlabor ist es so weit: Christian Ehring präsentiert die NDR-Satireshow einmal im Monat im Ersten.“

Da schimmert fröhlicher Sarkasmus durch die Zeilen. Denn dass ein etabliertes Comedyformat aus der ARD-Familie knapp vier Jahrzehnte benötigt, um ins Gemeinschaftsprogramm befördert zu werden, ist selbst für ARD-Verhältnisse rekordverdächtig. Premiere 1976 – Übernahme ins Erste 2014. Der Grund für den, nun ja, plötzlichen Sinneswandel ist der Abgang von Reinhold Beckmann als Talker. Statt der fünften wöchentlichen Talkshow macht man nun verstärkt in Humor. Das Team produziert einmal monatlich eine „extra 3“-Extraausgabe eigens für die ARD, die statt 30 Minuten 45 dauert. Und hat sich dafür Stars der intelligenteren deutschen Spaßkultur zusammengekauft, als gäbe es kein Morgen:

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Armin Rohde spielt in einer neuen Rubrik einen Personenschützer, der im Stil des Filmriss-Films „Hangover“ einen turbulenten Tag an der Seite eines Politikers rekonstruiert. Allwetterparodist Max Giermann („Switch reloaded“) hat neue Figuren entwickelt und bringt die beiden Maskenbildner seines Vertrauens mit. Multitalent Heinz Strunk („Studio Braun“, „Titanic“, „Fleisch ist mein Gemüse“) ist an Bord, ebenso Grimme-Preisträger Philipp Walulis („Walulis sieht fern“) sowie der ebenfalls Grimme-prämierte Jesko Friedrich alias Johannes Schlüter.

Man würde gern an britisch-amerikanische Comedytraditionen anknüpfen, etwa den „Roast“, bei dem Prominente liebevoll öffentlich gequält werden. Der deutsche Prominente freilich lässt sich nicht gern beschimpfen, nicht mal ironisch. Als Gäste zugesagt haben bisher immerhin Die Fantastischen Vier, Nena, Fettes Brot und Revolverheld, die jüngst bei Stefan Raab mit „Lass uns gehen“ die offizielle Hymne des Stadtflüchter-Magazins „Landlust“ zum Besten gaben.

Humor im Ersten galt seit Jahren als Widerspruch in sich. Eine Spaß-Taskforce diagnostizierte ein ernstes „Humordefizit“ im Sender. Sogenannte „Schmunzelkrimis“, Silbereisen im Glitzerfummel, endlose Dieter-Nuhr-Monologe und sexistische Silvester-Schenkelklopfer vor Tänzerinnen – das war bisher die Antwort des Ersten auf die nicht minder eintönige „Kennste, kennste, kennste“-Comedyschwemme der Privaten. Die ARD-Humorredaktion musste man sich als verstaubtes Eckchen im Keller der Programmdirektion vorstellen, mit einem Pappschild an der Tür, auf dem stand: „Harald Schmidt wohnt hier nicht mehr.“ Drinnen in staubigen Kisten: alte „Sketchup“-Schielbrillen, vergilbte „Klimbim“-Sketche und Federboas von Ingrid Steeger. Die Nachricht an sich („ARD will lustiger werden“) war dann schon der beste Witz. Ein erster Versuch mit dem sperrigen Titel „Das Ernste“ geriet 2012 allerdings schwerblütig und anstrengend.

„Die Bürokratie erstickt jeden witzigen Ansatz“, schimpfte am Mittwoch WDR-Urgestein Jürgen von der Lippe. „Wenn heute ein Fernsehredakteur eine Idee hat, muss er drei Leute fragen, und er kann sicher sein: Irgendeiner knickt es.“

Nun also mal wieder: humoreske Aufrüstung. Ergänzt wird das „extra 3“-Team um bewährte Satirekräfte wie Micky Beisenherz („heute-show“, „Dschungelcamp“), der damit zum Doppelagenten der deutschen Spaßguerilla wird: Er schreibt im wöchentlichen Wechsel für „extra 3“ im Ersten und die „heute-show“ im ZDF.

Überhaupt: die „heute-show“. Ihr Start löste 2009 bei der ARD eine Art „Sputnik“-Schock aus. Es war wie damals bei Sony, als Apple den iPod entwarf und die stolzen Erfinder des „Walkmans“ grollten: „Das hätte unser Ding sein müssen.“ Unterhaltung gehört ja tatsächlich zum Programmauftrag von ARD und ZDF. Satire ist kein Zuckerle neben „Tatort“, Sport und Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Anders gesagt: Spaß muss sein. Und tatsächlich sind Satireformate ja inzwischen die strengsten Wächter des politischen Alltags, während man in den deutschen Politikmagazinen inzwischen oft eine eigentümlich weichgespülte „Sommerinterview“-Tradition pflegt.

Zusätzlich zum aufgerückten Klassiker „extra 3“ zeigt die ARD freitags am Vorabend die selbst produzierte Singlefrauen-Dramedy „Dating Daisy“in der Tradition von „Berlin, Berlin“ mit Felicitas Woll alias Lolle – und die britische Sitcom-Überraschung „Cuckoo“ von der BBC, in der eine britische Familie mit dem feierwütigen, kiffenden, hippiesken thailändischen Neuehemann der Tochter klarkommen muss.
„extra 3“ teilt sich den Donnerstags-Sendeplatz um 22.45 Uhr mit Kurt KrömersLate Night Show“, Dieter NuhrsNuhr im Ersten“ (wann haben wohl die „Nuhr“-Kalauersendetitel mal ein Ende?) und der WDR-„Ladies Night“ mit Gastgeberin Gerburg Jahnke, die am Donnerstag kommender Woche ARD-Premiere feiert. Zielgruppen-Comedy von Frauen für Frauen mit „geballter Frauenpower“ (ARD). Das haben Frauen nicht verdient. Immerhin: Bis zum Sprung ins Erste dauerte es in diesem Fall nur sieben Jahre.

Programmtipp

„extra 3“ mit Christian Ehring, am Donnerstag um 22.45 Uhr in der ARD, dann immer monatlich. Und weiterhin mittwochs um 22.50 Uhr im NDR Fernsehen.     

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