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21:31 05.01.2014
In Lebensgefahr: Bürstenfabrikant Otto Weidt (Edgar Selge) und seine jüdische Lieblingsangestellte Alice Licht (Henriette Confurius). Quelle: ARD
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Die Geschichte des Berliner Bürstenherstellers Otto Weidt mag nicht so spektakulär sein wie die Leistung John Rabes, der 1937 250 000 Chinesen gerettet hat; aber auch Oskar Schindler ist den meisten Deutschen erst durch den Kinofilm von Steven Spielberg ein Begriff geworden. Der fast blinde Weidt beschäftigte in seiner kleinen Manufaktur auch dann noch blinde jüdische Mitarbeiter, als die Nationalsozialisten Berlin bereits als „judenfrei“ proklamierten. Es gelang ihm wiederholt, seine Arbeiter zu beschützen, indem er die zuständigen Behörden mit großzügigen Geschenken bedachte.

Die deutsch-israelische Journalistin Inge Deutschkron, mittlerweile eine betagte, aber immer noch hellwache Dame von über 90 Jahren, hat dafür gesorgt, dass die Taten des bereits 1947 verstorbenen Otto Weidt nicht in Vergessenheit geraten sind. Der NDR hat seine Geschichte nun mit Unterstützung weiterer ARD-Sender verfilmen lassen. Da „Der blinde Held – Die Liebe des Otto Weidt“ zu großen Teilen auf Deutschkrons Erinnerungen basiert, wurde sie kurzerhand als Erzählerin in den Film integriert. Auf diese Weise ist das Werk (Buch: Heike Brückner und Jochen von Grumbkow) ein Dokudrama geworden, das mit seinen vielen Innenaufnahmen an klassische Fernsehspiele erinnert.

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Die kurzen zeitgenössischen Einschübe in grobkörnigem Schwarz-Weiß sind eher stilistische Abwechslung als historische Ergänzung, zumal Zeitzeugin Deutschkron, die damals Weidts Sekretärin war, dank ihrer lebhaften Schilderungen auch die ansonsten in Filmen dieser Art unvermeidlichen Historiker überflüssig macht. Herausragend aber wird das Werk über einen mutigen Mann, der erst lange nach seinem Tod in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde, durch Hauptdarsteller Edgar Selge. Er spielt den furchtlosen Menschenfreund sehr differenziert – nicht nur, weil sein Weidt je nach Gegenüber unterschiedliche Haltungen vermittelt: Er ist voller Fein- und Mitgefühl, wenn es um seine Schutzbefohlenen geht, gibt sich kumpelhaft, wenn er mit der Gestapo (in Gestalt von Uwe Bohm als personifiziertem Judenhasser) verhandelt.

Fast noch reizvoller aber ist eine dritte Ebene, denn sie zeigt Weidt von seiner verletzlichsten Seite: Seine Lieblingsangestellte ist Alice Licht (Henriette Confurius), die schließlich wie alle anderen Mitarbeiter doch noch verschleppt wird. Als Weidt erfährt, dass sie 1944 von Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verlegt worden ist, reist er ihr kurzerhand nach; am Ende gelingt es der jungen Frau dank seiner Hilfe tatsächlich, sich zu retten.
Edgar Selge spielt den fast gänzlich erblindeten Fabrikanten mit beklemmender Intensität. Die Anstrengung, die es kostet, sich in fremden Räumen zurechtzufinden, die Kunst, sich nur durch Worte ein Bild des Gegenübers zu machen, all das liest der Zuschauer aus Selges Mimik. 

Dank ihrer klar konturierten Gesichtszüge ist auch Henriette Confurius eine hervorragende Besetzung in Kai Christiansens Film. Wie im Dreiteiler „Die Wölfe“ und dem Dokudrama „Eichmanns Ende“ spielt sie auch hier sehr glaubwürdig eine historische Rolle. Und gibt Alice’ jugendlicher Schwärmerei für den älteren Fabrikanten einen bittersüßen Beigeschmack.

Von Tilmann P. Gangloff

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