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Medien & TV Der Undercover-Boss und seine Nachfolger
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00:18 12.05.2014
Foto: RTL hat Günter Wallraff als Schalgzeilengarant verpflichtet.
RTL hat Günter Wallraff als Schalgzeilengarant verpflichtet. Quelle: RTL
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Es gibt wohl kaum ein Format, das derzeit so gefragt ist wie die Undercover-Reportage. Auf fast jedem Sender wird ermittelt, recherchiert und am Ende angeprangert. Allen voran Günter Wallraff, der derzeit bei RTL mit einem ganzen Team im Einsatz ist. Dabei geht es nicht nur um die kurzfristige Quote, sondern darum, dass sich RTL mit Wallraff ein neues, journalistischeres Profil geben will. So jedenfalls hatte es RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann auf der jährlichen Pressekonferenz seines Senders angekündigt, als er eben nicht mehr „Dschungelstars“ und „Supertalente“, sondern das „Team Wallraff“ als neues Prestigeprojekt vorstellte. Wallraff und ähnliche Formate, gestand Hoffmann freimütig ein, sollten dem Sender aus dem Quotentief helfen.

Seit knapp zwei Wochen nun ist das „Team Wallraff“ im Auftrag von RTL unterwegs und liefert nicht nur zufriedenstellende Zuschauerzahlen (3,79 Millionen Zuschauer, Marktanteil 12,1 in der ersten Sendung), sondern auch Schlagzeilen: „Team Wallraff bei Burger King – Tausenden ist der Appetit vergangen“ (Deutschlandfunk), „Nach Wallraff-Reportage: Burger King laufen nach Ekelvorwürfen die Kunden weg“ („stern“), „Nach Wallraff-Doku: Burger King kämpft gegen Umsatz-Crash“ („Focus“). Die recherchierten Ergebnisse des Investigativteams waren im Nachhinein betrachtet zwar mehr als erwartbar, doch für Programmchef Hoffmann sind sie, was Zahlen und Image betrifft, ein Segen. Kein Wunder, dass er dem derzeitigen Prestigeobjekt seines Senders gerne 90 Minuten zur besten Sendezeit einräumt. Die zweite Ausgabe, in der sich eine Journalistin aus dem „Team Wallraff“ – der Investigativreporter lässt mittlerweile recherchieren – in ein Pflegeheim einschmuggelt hatte, machte zwar weniger Wirbel, toppte dafür aber noch mal die Quote der ersten Sendung. 4,40 Millionen schalteten ein, der Marktanteil lag damit bei stolzen 16,3 Prozent. Die Rechnung von Programmchef Hoffmann geht auf.

Weil investigativer, für die Masse aufbereiteter Fernsehjournalismus das Format der Stunde zu sein scheint, zieht jetzt auch SAT.1 nach. Hier geht seit dieser Woche „Lange Undercover“. Der Protagonist ist ebenfalls kein Unbekannter, sondern Daniel Lange, Polizeireporter des Magazins „Akte“, das bis vor wenigen Jahren für SAT.1 noch so etwas war wie das „Team Wallraff“ heute für RTL: Schlagzeilenlieferant und Quotengarant in einem. Schon damals galt: Will man mit investigativer Reportage Quote machen, braucht man wiedererkennbare Gesichter. Im Fall von „Lange Undercover“ braucht man darüber hinaus auch noch dramatische Musik und Themen, die im Privatfernsehen immer gehen: Zwangsprostitution und Menschenhandel zum Beispiel, oder die offensichtlich immer noch prekären Arbeitsbedingungen bei allen möglichen Versandhändlern.

Zuletzt traf es Zalando. Eine Reporterin des RTL-Magazins „Extra“ schlich sich als Packerin in einem Logistikzentrum ein. Das Ergebnis: Das Unternehmen kämpft immer noch gegen den Imageverlust an, der auch nicht geringer wurde, nachdem Zalando die Reporterin anzeigt und eine einstweilige Verfügung gegen den Sender erwirkt hatte, der nun einzelne Behauptungen nicht weiterverbreiten darf. Ein PR-GAU auf der einen Seite, auf der anderen steht natürlich keiner gerne als Ausbeuter am Pranger. Für RTL hingegen ist die Klage leicht zu verschmerzen. Denn „Extra“-Reporterin Caro Lobig ist von der Undercover-Journalistin zum Talkshowgast aufgestiegen. Zuletzt berichtete sie bei Markus Lanz über ihre Arbeit in dem betreffenden Zalando-Lager sowie über ihren Mentor – Günter Wallraff.

Nora Lysk