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Medien & TV Blut, Schweiß und Gähnen
Nachrichten Medien & TV Blut, Schweiß und Gähnen
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09:31 25.03.2014
Von Imre Grimm
Atmen! Die junge Hebammenschülerin Gesa (Josefine Preuß, r.) steht einer „ehrlosen“ Gebärenden zur Seite. Quelle: SAT.1
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Ohne singende Mönche geht gar nichts mehr im internationalen Historienschinkengeschäft. „In nomine patris et filii et spiritus sancti ...“ Zwei Filmstunden lang taucht kein einziger Mönch auf – egal: Im Vorspann wird gregorianisch geknödelt zum Gotterbarmen, damit auch dem letzten Zuschauer, der stagnierend auf dem Sofa hängt, gleich mal klar ist: Hier geht es um Existenzielles, um erste und letzte Fragen in düsteren Zeiten, um Kirche, Tod und Tugend. Und weil die Sache teuer war, heißt sie nicht „Film“ oder „FilmFilm“, sondern „Event“.

„Die Hebamme“ also hat sich Produzent Oliver Berben vorgenommen, nach dem Bestseller von Kerstin Cantz von 2007. Die Geschichte ist schnell erzählt: Deutschland im Jahr 1799. Die junge Gesa (Josefine Preuß) steht am Sterbebett ihrer Mutter, deren Letzter Wille es ist, dass ihre Tochter Hebamme werden möge wie sie. „Geh in die Welt, sie gehört dir!“, barmt sie, bevor es sie dahinrafft. Gesa wandert nach Marburg, wo die idealistische Hebamme Elgin Gottschalk (Wer sucht bei SAT.1 die Namen aus?) – verrätselt gespielt von Lisa Marie Potthoff – sie schroff abweist. Der Grund? Liegt im Nebel.

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Da bleibt für Gesas Ausbildung nur das „Gebärhaus“ für mittellose, unverheiratete Schwangere, wo der ebenso renommierte wie gefürchtete Professor Kilian (Axel Milberg) als schmerzfreier Medicus am lebenden Objekt seine obskuren Methoden testet: Kopfzangen, Skalpelle, schreckliche Haken. „Die Ehrlosen bekommen Kost, Unterkunft und Betreuung – dafür stellen sie sich der Wissenschaft zur Verfügung“, hört die entsetzte Gesa. Und wenn dabei mal eine auf dem Tisch bleibt – Pech gehabt. Soll sie halt nicht mit den Kerls rummachen.

Gesas Schwester im Geiste wird die Mitschülerin Lotte (Alicia von Rittberg), und sogleich entflammt ihr Herz für den schmucken Anatomen Dr. Clemens Heuser (Andreas Pietschmann), der sich von Landstreicher Konrad (Vladimir Burlakov) überraschend häufig frische Leichen zu Studienzwecken liefern lässt. Sind das alles Suizide? Oder geht ein Serienmörder um?

Es ist die alte Geschichte vom jungen Ding in der großen Stadt – drei Jahre nach dem ganz ähnlich gestrickten, aber deutlich dezenteren ZDF-Historiendrama „Die Hebamme“ mit Brigitte Hobmeier. Optisch hat Regisseur und Krimiexperte Hannu Salonen zum ganz dicken Pinsel gegriffen: mit grellen Rückblenden, Stakkatoschnitten, vor Farbe triefenden Panoramen. Das wirkt frisch und unplüschig. Ein Schuss „Parfüm“, ein Spritzer „Medicus“, eine Spur „Wanderhure“ enthält sein bildgewaltiges Elendsgemälde  – inhaltlich freilich ist es kaum mehr als eine Galerie des Grusels: Da spritzt das Blut, da fließt der Schweiß, da zucken Frauen im Fieberwahn. Dazu schwappt das Bier aus groben Krügen und paffen schmuddelige Zahnlose ihre Pfeifen, während Gesa als rettender Engel und heilige Johanna der Schlachthöfe Leben rettet.

Das hätte bei allen Entertainmentabsichten eine feine Parabel auf die Rechtlosigkeit Schutzbedürftiger in einer misogynen Wissenschaftswelt werden können und ein Loblied auf das freie Hebammentum – gerade wieder höchst aktuell und notwendig, weil der uralte Beruf auf der Kippe steht. Der latente Konflikt zwischen freien Geburtshelferinnen und Ärzten und die Frage, warum ein selbstbestimmtes Leben für Frauen aufhört, sobald sie schwanger werden, ist ja heute kaum weniger gegenwärtig als damals. Immerhin wird nicht mehr gefoltert.

Stattdessen beschränkt sich Salonen auf schauriges Armeleuteleiden. Sein Kostümschinken im modernen Look suhlt sich geradezu im Elend: Kaiserschnitte ohne Narkose, Tod, Dreck, Schmerz und Folter. Spätestens nach 30 Minuten ist klar: Jawohl, war ’ne fiese Sache, Geburtshilfe vor 200 Jahren. Und die Story?

Immerhin: Josefine Preuß ist hier (wie schon in der „Pilgerin“ im Januar) erneut nicht mehr bloß die deutsche Alyson Hannigan, das munter parlierende Seelchen aus „Türkisch für Anfänger“ also, sondern hält die losen Enden des Gemetzels glaubwürdig zusammen. Die Rolle freilich verlangt ihr nicht viel mehr ab als besorgte Blicke und eine gerümpfte Nase. Und Axel Milberg gibt den schamlosen, zynisch-mephistophelischen Großkotz mit sehenswerter Noblesse.

Die Frage muss allerdings erlaubt sein, ob man das braucht um 20.15 Uhr: Schädel in Scheiben, Babyleichen in Formaldehyd. Was ist das hier – Unterhaltung oder die Verfilmung des „Pschyrembel“? Man kann das Realismus nennen oder sinnlosen Sadismus. Sicher ist: Schwangere Frauen und junge Eltern mögen sich heute Abend bitte fernhalten von SAT.1.