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Medien & TV „Nannens Name beschmutzt“
Nachrichten Medien & TV „Nannens Name beschmutzt“
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09:30 18.06.2015
Stephanie Nannen, seit 20 Jahren Journalistin und Enkelin des "Stern"-Gründers Henri Nannen. Quelle: Michael Rauhe
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Henri Nannen gilt als Erfinder des „Stern“. Tatsächlich soll er sich einer Vorlage bedient haben: dem gleichnamigen Magazin aus den Dreißigerjahren. So beschreibt es zumindest Medienhistoriker Tim Tolsdorff in seiner Dissertation über Ihren Großvater. Nur der „Stern“ schwieg dazu – bis jetzt. Begrüßen Sie, dass der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, wie es wirklich war?
Da widerspreche ich. Natürlich ist und bleibt Henri Nannen der Erfinder des „Stern“. Glauben Sie denn, dass dieses Erfolgsblatt, das seinerzeit erst die „Zeit“ von Gerd Bucerius saniert hat und dann als Lokomotive den ganzen Bahnhof Gruner + Jahr zog, ohne Nannen denkbar ist? Dass irgendjemand anders dieses Unikum erschaffen hat? Und Nannen hätte es dann nur mit Fortune über 35 Jahre ganz gut hingebracht und sei halt einer dieser talentierten Chefredakteure gewesen? Noch heute greift der „Stern“ – auch werbend – auf „Erfindungen“ meines Großvaters zurück, die für das Blatt charakteristisch geworden sind. Ja, es hat ab 1938 in Berlin ein gutes Jahr lang ein Filmblättchen gegeben, das „Der Stern“ hieß. Von einer Vorlage für Nannen kann jedoch nicht die Rede sein. Ich habe einen Großteil der Ausgaben zu Hause liegen. Darüber habe ich in meiner Biografie geschrieben – übrigens bevor die Dissertation vorlag.

Die auch als Buch erschienene Dissertation von Tim Tolsdorff, mit dem der „Stern“ nun ein langes Gespräch geführt hat.
Ich habe dem Punkt nur kein ganzes Buch gewidmet, denn der war längst bekannt. Er wurde im „Stern“ nach 1948 auch nicht verschwiegen. Wer im Archiv sucht, findet dazu Aussagen. Mein Großvater sprach darüber, die Kollegen von damals auch. Es mag sein, dass diejenigen, die Nannen und sein Team nicht kannten, nie davon gehört haben. Ein Geheimnis war es nicht. Es war nur nicht von Bedeutung. Insofern: Ja, ich würde es begrüßen, wenn der „Stern“ schriebe, wie es wirklich war. Aber das hat er nicht getan. Mehrfach ist in dem Interview von einem Gründungsmythos die Rede. Es gibt und gab keinen „Gründungsmythos“, der von Nannen ausgegangen wäre. Wenn der „Stern“ oder G + J nach seinem Weggang eine sinnstiftende Geschichte brauchten, die das Fortbestehen sicherte, so fußt das nicht auf Nannens Haltung, sondern mag etwas mit der Lücke zu tun haben, die er riss.
Warum gestehen Sie dem „Stern“ nicht zu, sich mit dem Interview in einer Art symbolischem Akt ehrlich machen zu wollen?
Es ist in der Tat ein symbolisches Interview. Der Versuch, „nichts mehr unter den Teppich zu kehren“, endet leider darin, dem Interviewpartner den roten Teppich auszurollen. Zur Ehrlichkeit braucht es mehr.
Was werfen Sie dem „Stern“ konkret vor – Geschichtsvergessenheit?
Mangelnde Recherche. Etwa habe ich dem Chefredakteur des „Stern“ meine Unterstützung angeboten, als der im vergangenen Winter öffentlich ankündigte, es werde ein „Stern“-Gespräch mit dem Verfasser dieser Doktorarbeit geben. Es befremdet mich schon, dass diejenigen, die heute noch von der Strahlkraft des alten „Stern“ profitieren, sich auf diese Weise von Nannen trennen wollen. Auch dem Doktoranden selbst hatte ich während seiner Recherchezeit einen Austausch über Dokumente und Wissensstände angeboten. Beides wurde nicht angenommen. Stattdessen hat sich der Doktorand auf den Nachlass von Karl Beckmeier (früherer Bildredakteur und Nannens Stellvertreter, mit dem er sich zum Schluss im Urheberrechtsstreit befand, Anm. d. Red.) gestützt. Weiß er, dass Frau Beckmeier meinen Großvater gehasst hat? Hat er den Aktenordner aus den Händen des Sohnes von Beckmeier einem Wirklichkeitscheck unterzogen? Hat er Nannens Sohn gefragt? Im aktuellen „Stern“ erfahre ich darüber nichts. Außerdem bauscht dieses „Stern“-Gespräch einen bekannten Sachverhalt in unverhältnismäßiger Weise auf. So, dass es den Namen Henri Nannens beschmutzt. Es strotzt vor Behauptungen, Vermutungen, Anmaßungen.
Zum Beispiel?
Die Stars im Heft und die Rubriken seien ähnlich ... Darüber habe ich schon in meinem Buch geschrieben: Günter Dahl, der große Reporter und erster „Stern“-Mann, hat einmal gesagt, dass sie für die ersten Ausgaben des „Stern“ natürlich klauten – Geschichten, Fotos, Ideen. Alles, was sie kriegen konnten. Herrje! Die hatten gerade den Hungerwinter 1947 überstanden. Es gab kein Papier, kaum Schreibmaschinen, kein gut ausgestattetes Archiv. Kollegen der ehrwürdigen „Berliner Illustrierten“ aus dem Ullstein-Verlag waren in Hannover – auch eine Quelle der Inspiration. Oder „Zick-Zack“ – die Jugendzeitschrift, aus der Nannen den „Stern“ machte. Rudolf Augstein und Henri Nannen versuchten im Pressehaus Anfänge zu knüpfen. Jeder auf seine Weise, oft gemeinsam. Nannen war Kunsthistoriker – war mit Literaten, Schauspielern und Künstlern bekannt und schrieb für die „Abendpost“. Sein Metier war das Feuilleton. Es war naheliegend, mit Unterhaltung zu beginnen – die für ihn nie etwas Niederes, sondern immer der Schlüssel zu den Lesern war. Augstein hat einmal gesagt: „Ich habe den ,Spiegel‘ gemacht, aber ich habe ihn nicht erfunden. Henri hat den ,Stern‘ gemacht, und er hat ihn auch erfunden.“ Augstein war immerhin dabei.
Haben Sie den Eindruck, G + J will sich seiner Galionsfigur entledigen?
Ja.
Was treibt Sie an, Henri Nannens Erbe zu schützen?
Mein Verständnis von sauberem Journalismus.

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Zur Person

Stephanie Nannen hat Kunstgeschichte und Geschichte studiert und ist seit 20 Jahren Journalistin. Sie arbeitete bei großen Zeitungen in leitenden Funktionen, darunter „Der Tagesspiegel“ und das „Hamburger Abendblatt“. 2013 erschien ihre Biografie „Henri Nannen – ein Stern und sein Kosmos“. Die Autorin lebt mit ihrer Tochter in Hamburg.

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