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Medien & TV Der Mann, der zu viel musste
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08:59 04.11.2014
Charly Hübner spielt den Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger alias Schäfer, der zwischen Pflicht und Gewissen hin-und hergerissen ist.Foto: ARD
Charly Hübner spielt den Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger alias Schäfer, der zwischen Pflicht und Gewissen hin-und hergerissen ist.
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Hannover

Von Günter Schabowskis Pressekonferenz bis zum nächsten Morgen: Der ARD-Film „Bornholmer Straße“ erzählt die Nacht des Mauerfalls nahe am historischen Geschehen aus der Perspektive des wachhabenden Passkontrolleurs Harald Jäger nach, der im Film Schäfer heißt. Die nächtlichen Bilder erzeugen die passende Atmosphäre für diese Götterdämmerung der anderen Art. Am Gesicht von Charly Hübner, der die Rolle des Stasi-Oberstleutnants spielt, lässt sich der innere Konflikt des Protagonisten ablesen: Pflicht gegen Gewissen. Viele weitere bekannte Schauspieler finden sich im Personal der Grenzer und ihrer Vorgesetzten: Ulrich Matthes als Oberst, Max Hopp als Hauptmann und Milan Peschel als Oberleutnant.

Zu welchen Absurditäten Befehlshörigkeit führen kann, zeigt auf herrliche Weise die Szene mit einem Hund, der unerlaubt über die Brücke läuft und im Sinne systemtreuer Bürokratie aufs Genaueste untersucht und erkennungsdienstlich erfasst werden muss. Insgesamt übertreibt es der Film jedoch mit derlei Zirkusclownereien. Hübners ­offensichtlich antrainierter sächsischer Dialekt verstärkt den Klamaukcharakter noch.

Die Drehbuchautoren Heide und Rainer Schwochow - die Eltern von Regisseur Christian Schwochow - wählten den ironischen Tonfall mit Bedacht: „Es verbot sich damals, mit den Grenzern zu scherzen“, sagt Rainer Schwochow. Das Schwochow-Paar gehörte selbst zu den ersten Ost-Berlinern, die am 9. November in den Westen strömten. Sie hatten die Menschenmenge vom Balkon aus gesehen und sich kurzerhand eingereiht. Heide erinnert sich daran, dass kaum jemand gesprochen habe. „Diese Sprachlosigkeit war der Wahnsinn. Die hochemotionale Stille und die leisen Tränen zeugten von unserer Fassungslosigkeit.“ Ihr Mann spricht von einer „hohen Körperlichkeit“ des Gefühls, einen solchen Moment des Übergangs mitzuerleben.

Ihr damals elfjähriger Sohn Christian hat Regie geführt. Er widmete sich in Filmen wie „Novemberkind“ (2008), „Der Turm“ (2012) und „Westen“ (2013) ­immer wieder der deutsch-deutschen Teilung und dem Untergang der DDR. „Ich suche nach meinen eigenen Wurzeln“, sagt er. „Sehnsucht, Hoffnung, Erfüllung von Hoffnungen - das alles lag in dieser Zeit dicht beieinander. Wir waren Teil der Weltgeschichte.“ Das sei ihm erst so richtig bewusst geworden, als er sich und seine Eltern in New York in einem Fotoband entdeckte, eine Aufnahme von einer Mahnwache im Oktober 1989. „Mir zitterten die Hände. Die Bilder und Gefühle dieser Zeit und den Jahren zuvor sind so schwer in Worte zu fassen, wahrscheinlich musste ich deshalb diese Filme machen.“

Wenige Tage nach dem 9. November 1989 zogen die Schwochows nach Hannover, wo Freunde der Familie wohnten und Heide Schwochow an der Hochschule für Musik und Theater Journalistik unterrichtete. Später, von 1996 bis 2001, war sie Programmdirektorin des Leipziger Uni-Radios mephisto 97,6. Den Ausreiseantrag hatten sie damals schon gestellt - noch ehe Harald Jäger den Schlagbaum öffnete.

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