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Medien & TV Der Ballermann und sein Buddy
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00:15 11.03.2014
Von Imre Grimm
Was guckst du? Nick Tschiller (Til Schweiger, r.) und Yalcin Gümer (Fahri Yardim) wollen jetzt gerade mal nicht blöd angemacht werden. Quelle: NDR/Marion von der Mehden
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Hannover

Es muss an manchen Tagen eine Bürde bedeuten, Til Schweiger zu sein. Stell dir vor, du hast 20 Millionen Zuschauer im Kino, du forderst seit Jahren Respekt für deine Schauspielkunst, mal mehr, mal weniger entspannt – aber alle Welt guffelt nur über dein Genuschel, dein eher variantenarmes Mienenspiel und deinen, Entschuldigung, Arsch. Da macht sich der Schweiger in seinem zweiten „Tatort“ am Sonntagabend also hintenrum nackig. Und der Boulevard diskutiert des Längeren und Breiteren, ob das nicht ein wahrhaft phänomenales Hinterteil sei für einen Mann mittlerer Reife, und „Bild.de“ haspelt gar mit roten Ohren: „Dieser Hintern ist 50 – So nackt haben wir Schweiger noch nie gesehen!“

Doch. Haben wir. 1994 zum Beispiel in „Der bewegte Mann“. Da saß der Schweiger nackt auf einem Glastisch. Und 2002 in „Intimate Affairs“. Da vögelte der Schweiger nackt vor einem Glasfenster. Und 2007 in „Keinohrhasen“. Da fiel der Schweiger nackt auf ein Glasdach. Und jetzt also, 2014. Da liegt der Schweiger nackt auf der Staatsanwältin. Es dürfte inzwischen schwieriger sein, einen Film zu finden, bei dem Til Schweiger vollständig bekleidet bleibt.

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Bei all der künstlichen Erregung um die soundsovielte Zurschaustellung seines Allerwertesten könnte man glatt übersehen, dass auch sein zweiter Einsatz als Hamburger „Tatort“-Kommissar Nick Tschiller ein sehenswerter Thriller geworden ist.

Mit Volldampf war dieser Tschiller im März 2013 in die selbstgefällige „Tatort“-Welt gekracht, hatte gleich mal drei Mädchenhändler abgeknallt und sein Image vom Milchbubi mit Welpenblick und Pinocchio-Pflaster gleich mit erschossen. Ein Buddymovie reinsten Wassers war Schweigers Premiere „Willkommen in Hamburg“, eine temporeiche, überzeichnete, knallharte und lustige Männersause mit 12,7 Millionen Zuschauern. Nun läuft also Teil zwei. Wieder mit der großartigen Quasselstrippe Fahri Yardim als Kompagnon Yalcin Gümer, wieder mit Christian Alvart als Regisseur, wieder mit Christoph Darnstädt als Drehbuchautor – und mit Schweigers Tochter Luna als nöliger Teenager-Nervensäge Lenny. Wieder geht es um maskuline Machtspielchen, um Echte-Kerle-Kram, um Rache und Stolz und Provokationen und Explosionen und Probleme mit Migrationshintergrund und jede Menge Kippe-im-Mundwinkel-Sprüche („Um dein Leben zu betteln ist zwecklos, weil: Du bist schon tot“). Und es geht um einen 13-Jährigen und die Verführungskraft des Verbrechens.

Die Story schließt direkt an Teil eins an: Tschiller hat sich mit den kurdischstämmigen Astan-Brüdern angelegt, die ihr Geld mit Drogen, Prostitution und Outlet-Centern (!) machen und jetzt Crystal Meth auf den Markt werfen wollen. Die Clanbosse ziehen vom Knast aus die Strippen und sind sauer, weil der neue Bulle sie auf dem Kiez nicht mehr machen lässt, wie sie wollen. „Die wollen Blut sehen!“, warnt der LKA-Chef. „Dann zeigen wir ihnen Blut“, sagt Tschillers Partner Gümer (Yardim). Der bleibt als computerhackendes Plappermäulchen die gute Seele des Teams.

Clankriminalität ist im „Tatort“ ja ohnehin das Modethema der Stunde, gerade erst in Bremen, jetzt in Hamburg. Der Film wagt sich thematisch auf ein Terrain, auf dem die Grenzen zwischen Rechtsstaatsbewahrung und Ressentiment fließend sind. Von „gefährlichen Freiräumen“ ist da die Rede, von „Parallelgesellschaften“, die man bekämpfen müsse.

Yardim hinterfragt als Einziger die Nulltoleranzpolitik seiner Kollegen und stellt auch mal die Frage, wie es zu diesem gesellschaftlichen Klima überhaupt kommen konnte. Ansonsten sind die Fronten klar: Tschiller & Co. sind die Guten, die kurdischen Clanjungs sind die Bösen, außerdem natürlich „die Russen, die Albaner, die verschissene Balkanesen-Mafia, die Rocker, die geschmierten Senatoren, die Banker, die deren Drecksgeld waschen, und dann“ – warum nicht auch gleich? – „die Päderasten und Dschihaddisten und die Neonazibrut, die Parkraumzonenbewirtschafter – das ganze Pack“. Das habe sich „hier festgewuchert“, sagt der verbitterte LKA-Drogenspezialist Enno Kromer (Ralph Herforth), denn „wir waren zu geduldig, zu korrekt, zu deutsch“. Da hat Nick Tschiller also noch eine Menge Arbeit.

„Es ist mir scheißegal, wo du herkommst“, sagt er zu einem der Huckedusters, die ihm das Leben schwer machen, „mich interessiert nur, was du machst.“ Ein Satz, der die ganze unselige Zuwanderungsdebatte ganz hübsch abkürzt. Den Ermittlern kommt ein neuer Kiezkrieg gerade recht, bei dem sich, wie Gümer frotzelt, die „Kanaken gegenseitig wegmachen“. Und dann setzt der Clan ein Kopfgeld auf Tschiller aus. 50.000 Euro für sein herausgeschnittenes Herz, weniger Pathos geht nicht. Plötzlich sind auch seine Ex-Frau und seine Tochter in Gefahr.

Hart und düster ist dieser Thriller geraten, weniger cartoonhaft und hollywoodesk als der erste. Schweiger findet ihn in branchenüblicher Unbescheidenheit „sensationell“ und sogar besser als Teil eins – aber ganz so spritzig, keck und laut wie der Einstieg ist er nicht. Tschiller als einzelgängerischer Draufgänger funktioniert, aber das hier ist kein fröhliches Entertainmentspektakel mehr, sondern ein komplexer, manchmal etwas verworrener Versuch, Tschillers Abgründe zu zeigen.

Die Story um Rivalitäten in der Hamburger Unterwelt will das Team 2015 in einer Doppelfolge zu Ende erzählen. Im September beginnen die Dreharbeiten zu Teil drei und vier. Und Schweiger? War’s das dann mit dem „Tatort“? Nein, sagte er bei der Premiere in Hamburg. Es könne weitergehen. Und auch dann bleibt’s bei Tschillers bewährter Logik: „Wenn ein Böser einen anderen Bösen tötet, ergibt das einen Bösen weniger.“ So einfach ist das manchmal.

Bodycount

Gleich 19 Tote gibt’s im zweiten Til-Schweiger-„Tatort“ namens „Kopfgeld“ – es ist der bisher leichenreichste in 44 Jahren ARD-Sonntagskrimi. Der blutige Rekord hält aber nur kurz: In der HR-Produktion „Im Schmerz geboren“ – dem vierten Fall des hessischen Ermittlers Felix Murot (Ulrich Tukur) – wird es am Ende sogar 47 Tote geben. Der Film ist voraussichtlich am 12. Oktober im Ersten zu sehen. Gemessen an den blutigsten Streifen der Filmgeschichte aber ist der „Tatort“ nur Ringelpiez. Platz eins unter den Hollywoodgemetzeln hält „Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs“ mit einem „Bodycount“ von 836 Toten. Es folgen „Königreich der Himmel“ (610), das Schlachtengemälde „300“ (600), Wolfgang PetersensTroja“ (572) und „Last Samurai“ mit Tom Cruise (558). Ebenfalls in den Top 25 sind „Der Soldat James Ryan“ (255) und – wenig überraschend – „John Rambo“ (247). Nicht berücksichtigt in dieser Statistik sind wilde B-Movie-Gewaltorgien mit dauerballernden Amazonen oder finsteren Rächern mit Doppelmaschinengewehr.

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