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Medien & TV „Tatort: Kaltes Herz“ am Sonntag in der ARD
Nachrichten Medien & TV „Tatort: Kaltes Herz“ am Sonntag in der ARD
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09:59 20.03.2010
Von Stefan Stosch
Moralisch gefestigt: Die Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär, rechts). Quelle: ARD
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Es gibt nicht mehr viele Berufsgruppen, die den Deutschen ins Gewissen reden dürfen. Oder wollen. Der letzte Politiker, der dazu die moralische Autorität besaß, war Bundespräsident Richard von Weizsäcker; der letzte Arzt war Prof. Klaus Brinkmann, aber der war aus der Fernsehserie „Schwarzwaldklinik“. Aufklärer im Stile eines Jürgen Habermas dringen heute kaum mehr durch in der medialen Kakophonie. Von der Kirche wollen wir an dieser Stelle lieber gar nicht reden. Und von uns Journalisten auch nicht.

Das heißt: Eine Spezies gibt es, die sich regelmäßig in der Rubrik Volksaufklärung übt – wenn auch verklausuliert im Unterhaltungsformat: Beinahe Sonntag für Sonntag spielen sich „Tatort“-Kommissare auf als Gewissen der Nation und machen den Zuschauern ein schlechtes. Immer vorneweg: die Kollegen aus Köln, Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär).
Womöglich muss man sich die Entstehung des Sonntagskrimis beim WDR und in manch anderer ARD-Sendeanstalt so vorstellen: Die Verantwortlichen hocken zusammen und zerbrechen sich die Köpfe darüber, welches aktuelle Sozialproblem sie heute angehen sollen. Dann fallen Schlagworte wie Obdachlosigkeit („Platt gemacht“), Alkohol und Leistungsstress („Mit ruhiger Hand“), Fremdenhass („Brandmal“) oder Müllmafia („Müll“), und schließlich ruft irgendwer: „Das ist gesellschaftlich relevant, da machen wir was zu.“

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Die Stichworte für den aktuellen Fall „Kaltes Herz“ müssten ungefähr so gelautet haben: überforderte Mütter, Hartz-IV-Kinder, mangelnde Liebe im Elternhaus und Helfer, denen selbst geholfen werden muss. Ermordet wird ein Mitarbeiter des Sozialamts, und ein von seiner Mutter vernachlässigtes Mädchen ist spurlos verschwunden. „Wir legen den Finger in die Wunde“, sagt Hauptdarsteller Klaus J. Behrendt zu seinem neuen Film. Und dieser Ansatz ist genau das Problem.

Gegen gesellschaftliche Einmischung ist prinzipiell nichts zu sagen, im Gegenteil, das war mal eine Stärke vom „Tatort“, man denke nur an den legendären WDR-Fall „Manila“ (1998) über Kinderprostitution. Doch ist der aufklärerische Ansatz mittlerweile zur Masche verkommen. Der Zweck heiligt gerade im Unterhaltungsfach nicht die Mittel.

Die Drehbücher des Sonntagskrimis – nicht nur beim WDR – verbergen kaum mehr den pädagogischen Anspruch, die Schauspieler sind zu Stichwortgebern beim Erklären von Sozialmiseren degeneriert – besonders negativ tat sich da gerade der Leipziger „Polizeiruf 110 – Schatten“ zum Thema Obdachlosigkeit hervor. Das Fernsehen versucht sich als sozialwissenschaftliches Proseminar. Aufgabe: Weltverbesserung.

So stehen auch an diesem Sonntag wieder moralinsaure Kommissare mit verkniffener Miene in der Gegend herum und blaffen Bürger an, wenn diese sich etwas zu schulden haben kommen lassen. Um das Lernziel anschaulicher zu machen, werden die Sorgen und Nöte einer (werdenden) Mutter noch mal im Kommissariat gespiegelt: Kollegin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) ist schwanger. Der Vater: unbekannt, eine Faschingsbekanntschaft hinter einer Froschmaske. Soll sie als Alleinerziehende das Kind nun bekommen oder lieber nicht?

Mit der Frau mag man ja noch mitfühlen, doch sauertöpfische Ermittler gehen einem allmählich auf die Nerven. Wenn „Columbo“ oder der „Kriminaldauerdienst“ oder wer auch immer mit ihrem Fall fertig sind, dann geht es in der Welt zumeist auch wieder ein bisschen gerechter zu. Aber wir Zuschauer haben nicht so schlechte Laune.