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00:16 25.11.2014
Beide Kommissare finden sich auf der Anklagebank wieder: der eine, Lannert (Richy Müller), weil er einen Mann erschossen hat; der andere, Bootz (Felix Klare), weil er den Kollegen mit einer Falschaussage deckt.
Beide Kommissare finden sich auf der Anklagebank wieder: der eine, Lannert (Richy Müller), weil er einen Mann erschossen hat; der andere, Bootz (Felix Klare), weil er den Kollegen mit einer Falschaussage deckt. Quelle: ARD
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Hannover

Das „Tatort“-Publikum ist daran gewöhnt, dass die Kommissare moralisch zweifelsfrei auf der richtigen Seite stehen. In der über vierzigjährigen Geschichte des Sonntagskrimis gab es zwar diverse Fehltritte, aber die waren in der Regel nachvollziehbar: weil die Ermittler am Ende nicht Recht, sondern Gerechtigkeit walten ließen und ein Auge zudrückten. Im Stuttgart-Krimi „Eine Frage des Gewissens“ aber finden sich beide Kommissare auf der Anklagebank wieder: der eine, Lannert (Richy Müller), weil er einen Mann erschossen hat; der andere, Bootz (Felix Klare), weil er den Kollegen mit einer Falschaussage deckt. In diesem Rollentausch liegt zunächst der große Reiz des Films: Die Ermittler stehen nicht für das Gute, sondern gelten als Repräsentanten polizeilicher Willkür.

Auf einer zweiten Ebene spielt sich die Rekonstruktion des Vorfalls ab, der überhaupt erst zu der Anhörung führte. Bootz erlebt die Szene immer und immer wieder als Albtraum: Ein offenkundig zu allem entschlossener Mann hat in einem Supermarkt einen Wachmann als Geisel genommen und drückt ihm eine Pistole an den Kopf. Bootz kann gerade noch eine junge Frau zu Boden reißen, dann fällt ein Schuss: Der Kollege hat den Geiselnehmer erschossen. Bootz hat das gar nicht mitbekommen, weil ihm die Sicht versperrt war. Trotzdem bestätigt er Lannerts Aussage, der versichert, der Mann habe die Geisel ermorden wollen.

Die Kombination dieser beiden Stränge – hier die Anhörung, dort der Ablauf im Supermarkt – sorgt dafür, dass die ohnehin schon große Spannung gewissermaßen potenziert wird, weil beide Ereignisse in einer Art Wechselwirkung stehen. Dank einer dritten Ebene spitzt das Drehbuch (Sönke Lars Neuwöhner, Sven Poser) die Handlung sogar noch weiter zu: Ausgerechnet eine junge Frau, die der Opferanwalt (Michael Rotschopf) als Kronzeugin betrachtet, wird ebenfalls erschossen. Lannert und Bootz finden raus, dass es eine Verbindung gab, und zwar nicht nur zwischen den beiden Opfern, sondern auch zu einem weiteren Pärchen, das ebenfalls im Supermarkt war. Und dann machen sie eine Entdeckung, die dem Fall eine komplett neue Wendung gibt.

Dieser radikale Einschnitt hat beinahe Gänsehautpotenzial. Ohnehin gelingt es Regisseur Till Endemann, der dem SWR dank diverser wichtiger Fernsehfilme (zuletzt „Unter Anklage: Der Fall Harry Wörz“) eng verbunden ist, eine große Nähe zu den beiden Kommissaren herzustellen. Auf Lannerts Seite steht man ohnehin, denn im Gegensatz zu Bootz war man als Zuschauer ja Zeuge, dass er nicht anders konnte, als einen „Rettungsschuss“ abzugeben. Bei Bootz ist die Sache etwas komplizierter. Mit seiner Loyalität entspricht er exakt dem Bild, das der Anwalt entwirft: In eigener Sache nimmt es die Polizei mit der Wahrheit offenbar nicht so genau. Andererseits befindet sich der Kommissar nach der Trennung von seiner Frau im emotionalen Ausnahmezustand.

Felix Klare spielt auch diese labile Seite des Kommissars äußerst glaubwürdig. Gleiches gilt für Michael Rotschopf, der den Anwalt ähnlich facettenreich anlegt: Einerseits will er Gerechtigkeit erreichen, andererseits ist er in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich; und arrogant noch dazu. All das macht „Eine Frage des Gewissens“ zu einem sehr guten „Tatort“: Das Buch sorgt für hintergründige Spannung, die Regie für Nervenkitzel, und die ausgezeichneten Schauspieler profitieren davon, dass sämtliche Hauptfiguren zwischen den Stühlen sitzen.

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