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00:15 10.06.2015
Von Michael Pohl
Peinlicher Auftritt: Eindeutig overdressed erscheinen Bibi (Adele Neuhauser) und Moritz (Harald Krassnitzer) bei der Geburtstagsfeier ihres Chefs.
Peinlicher Auftritt: Eindeutig overdressed erscheinen Bibi (Adele Neuhauser) und Moritz (Harald Krassnitzer) bei der Geburtstagsfeier ihres Chefs. Quelle: ARD
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Eine schwangere Frau stirbt nach einem Unfall in einer Chemiefabrik. Flusssäure tropft aus einem lecken Rohr durch ihren Schutzanzug. Der Anzug soll eigentlich vor tödlichen Chemikalien schützen, doch er ist mangelhaft. Ein tragischer Fehler oder ein bewusst in Kauf genommenes Risiko der Firmenleitung, um Kosten zu sparen? Das Opfer ist das Patenkind ihres Vorgesetzten, also müssen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) den Fall übernehmen. „Gier“ heißt die Wiener „Tatort“-Folge, die am Sonntag in der ARD läuft. Bereits der Titel verrät, dass der billige Schutzanzug kein Versehen gewesen ist. Es geht ums Geld - und um die Fabrikantenfamilie Wendler.

Fabrikdirektor - Österreich ist das Land der imposanten Titel - Peter Wendler (Anian Zollner) ist in der geschlossenen Psychiatrie. Er gilt nach einem angeblichen Mordversuch an seiner Frau Sabrina (Maria Köstlinger ) als psychisch gestört und gemeingefährlich. Sein bester Freund Viktor Perschawa (Michael Masula) übernimmt derweil die Geschäfte, zusammen mit Wendlers Frau, die Perschawas Geliebte ist. Frau Wendler will den Konzern verkaufen und von dem Millionenerlös in der Sonne ein neues Leben beginnen. Ob mit oder ohne Viktor, bleibt ihr Geheimnis. Aufstieg und Fall einer Fabrikantenfamilie - ein Hauch von „Buddenbrooks“ in Wien.

Die Geschichte (Regie: Robert Dornhelm, Buch: Verena Kurth) erinnert aber auch an die Geschichte von Gustl Mollath. Peter Wendler wird als Querulant dargestellt. Faire Produktionsbedingungen sind seine Obsession. Irgendwann habe er den Bezug zur Realität verloren, klagt seine Frau Sabrina: „Faire Produktionsbedingungen vom Garn bis zum Knopf bis zum Sofa. Seine Ideen hätten den Wendler-Konzern ruiniert.“ Doch der Konzern überlebt, stattdessen fällt sie die Treppe runter - und er landet in der Klinik, mithilfe des Geliebten, der die Attacke des Ehemannes vor Gericht bezeugte. Alles eine Intrige einer gierigen Ehefrau, die ihren störrischen Mann loswerden will?

Zollner spielt Peter Wendler wahnsinnig überzeugend. Wendler ist stets penibel gekleidet und höflich im Umgang - und doch seltsam in der Wirkung. Ist er Opfer? Ist er Täter? „Was glauben Sie, bin ich wirklich zurechnungsunfähig?“, fragt der Psychiatriepatient die Ermittler. Eisner geht es wie dem Zuschauer- er weiß darauf keine Antwort.

Wer ist hier verrückt? Der Zuschauer zweifelt bald am Verstand so einiger Leute. Sabrina Wendler hält Viktor Perschawa im romantischen Ambiente eine Pistole an den Kopf. Ihr Hausangestellter, Gupta Kumar (Thomas Nash), huscht stets behandschuht durchs Haus. Ermittlerin Bibi Fellner: „Dieser Gupta Koma ist auch irgendwie komisch.“ Und Peter Wendler? Seine Psychologin sagt den Ermittlern: „Sie werden sehen, Sie können ganz normal mit ihm reden. Er ist nicht gefährlich.“ Fellner flüsternd zu Eisner: „Und warum ist er dann hier?“ Bei Eisner aber bleibt ein Unbehagen: „Ich habe das Gefühl, dass dieser Typ hochintelligent ist.“ - „Und was sagt uns das jetzt?“, fragt seine Kollegin. „Dass man ständig das Gefühl hat, dass er mit einem spielen will.“

Viktor Perschawa, Wendlers Nachfolger bei Frau und Fabrik, jedenfalls überlebt die Folge nicht. Zwei Kugeln stecken schließlich ach in seiner Brust. War es der trauernde Mann der verätzten Frau, der auf Rache sinnt, zu überstürzten Verzweiflungstaten neigt und dabei „Ich bring euch alle um!“ schreit? War es Sabrina-„Damit habe ich nichts zu tun“-Wendler? Oder Peter Wendler? Die Liste der Verdächtigen ist lang. Bis noch jemand stirbt.

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