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Medien & TV Gute Freunde kann niemand trennen
Nachrichten Medien & TV Gute Freunde kann niemand trennen
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22:14 06.09.2013
Von Imre Grimm
Zwei, die sich verstehen: Gottschalk und Jauch. Quelle: dpa
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Köln

Zwei Kumpel, zwei Stars, zwei Karrieren, die sich seit 30 Jahren immer wieder berühren, überholen, einholen. Aber die Frage, wer hier aktuell wem Hilfestellung leistet, ist schnell beantwortet. Günther Jauch (57) sitzt fest im Sattel. Sein ARD-Talk ist unumstritten, sein RTL-Quiz „Wer wird Millionär?“ scheint auch nach 14 Jahren unzerstörbar, sein Ruf als bieder-charmanter Oberlehrer und Umfragen-Bundeskanzler nicht minder.

Thomas Gottschalk (63) dagegen hat, was die eigene Strahlkraft betrifft, schon bessere Zeiten erlebt. Vor Samuel Koch. Vor seiner unseligen ARD-Vorabendshow. Vor den unglücklichen „Supertalent“-Auftritten an der Seite von RTL-Erzfeind Dieter Bohlen. Unbesiegbar schien er damals, als er bei „Wetten, dass ...?“ noch Deutschlands großer Integrator war, berufsjugendlicher Weltumarmer in grellem Tuch, menschliches Lagerfeuer, um das sich die Nation versammeln konnte, um Benzinpreise, Tempolimit und Nieselregen für drei bis fünf Stunden zu vergessen.

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Nun kommen also „Die 2“. Jauch und Gottschalk im Doppelpack am Montagabend. RTL verkauft die Show, an der viel hängt für den durchhängenden Ex-Marktführer, in breitbrüstig als „sensationelle Wiedervereinigung der größten Showgiganten Deutschlands“. So macht man Wahlkampf, ihr Sissys.

Die Sache ist bloß: Es stimmt ja. Das deutsche Fernsehen hat keine größeren Matadore als diese beiden. Und es klingt ja auch erst mal nach einer guten Idee. Im RTL-Studio treten sie – gebändigt von Moderatorin Barbara Schöneberger – in allerhand Quiz-, Aktions- und Schätzrunden gegen 500 Normalbürger an. Es geht um 100 000 Euro. Produziert wird die Sause von Jauchs Firma I&U. Spielchen, Freundschaft, Foppereien – alles drin. Retro ist der Trend der Stunde, glorifizierende Rückbesinnung tut gut in der anstrengenden Gegenwart.

Aber man könnte natürlich andersherum auch nölen: Zwei ergrauende Fernsehdinos, einer davon in der TV-Sackgasse, versuchen auf einem verunsicherten Privatsender, an die anarchische Phase ihrer öffentlich-rechtlichen Jugend anzuknüpfen, an die wilden Zeiten in den Achtzigern in der „B3-Radioshow“ des Bayerischen Rundfunks, wo beide zu Freunden wurden und zu Marken. Man lacht heute nicht mehr automatisch über Sprüchlein wie „Wenn Thomas in das Mikro säuselt, sich bei der Kuh das Euter kräuselt“. Aber dass sie dem gravitätischen BR frische Luft eingehaucht haben, ist unvergessen. Das war neu damals, das jemand einfach drauflosplapperte. Gottschalk übergab das Mikrofon täglich um 16 Uhr an seinen Schützling Jauch – und die Kabbeleien beim Stabwechsel erfreuten das Radiovolk. Sie waren zwei lebende „Yps“-Hefte damals, Kulthelden für junge Hörer. Und die sollen für RTL 30 Jahre danach das junge Volk anlocken? „Gottschalk & Jauch gegen alle“ heißt auch: Gottschalk und Jauch gegen das Alter.

1989 dann, während der Funkausstellung in Berlin und acht Wochen vor dem Mauerfall, hüpften beide durch ihr bisher einziges gemeinsames Fernsehformat – brav im weißen Hemd mit Weste. Titel der Show: „2 im Zweiten“. Der Vorspann: ein pinkfarbenes Pixelgewitter (Computer!). Jauchs Frisur: eine Art Babykrake. Und Gottschalk sah aus wie mit Sprühsahne gestylt. „Wir senden bis zwanzig nach fünf!“, rief Gottschalk. „Nee“, sagte Jauch, „bis zwanzig vor sechs!“ – „Ja du!“, frotzelte Gottschalk. „Ich hab Seniorenrecht. Ich darf früher gehen.“ So ging das stundenlang.

„Beide stammen aus den letzten Tagen des öffentlich-rechtlichen Monopols“, sagt der ehemalige ZDF-Unterhaltungschef Axel Beyer –, „so groß wie sie konnte nie wieder jemand werden.“

Und sie sind die Letzten ihrer Art. Spätestens, seit Harald Schmidt vor den Zumutungen des öffentlichen Arbeitens ins Pay-TV floh, ist aus den „großen drei“ des deutschen TV-Entertainment nur ein Duo geblieben: der große Blonde mit dem bunten Schuh, Geschmacksanarchist und Altrocker. Und der Sparkassenlümmel Jauch, Opel-Fahrer, Besserwisser, Spießbürger, der bis heute immer wirkt, als sei er irgendwann durch die falsche Tür gelaufen und plötzlich Fernsehstar statt „Abteilungsleiter A bis F“. Beide katholisch, beide früher Messdiener.

„In seinem Kopf läuft permanent eine Rasterfahndung nach dem nächsten Gag ab“, sagte Jauch mal über Gottschalk. Und es passt ja: Nicht nur das deutsche Publikum findet Gefallen an Männerduos, die sich als frotzelnde Eifersüchtler inszenierten, in Wahrheit aber ganz dicke „Buddys“ sind; von Jack Lemmon & Walter Matthau bis Waldorf & Stetlar, von Danny Glover & Mel Gibson bis Gerhard Delling & Günther Netzer. Und natürlich Tony Curtis & Roger Moore in der britischen Krimiserie „Die Zwei“ („The Persuaders“), die nur wegen der Amok-Synchronisation von Rainer Brandt in Deutschland ein Kulthit wurde. Noch weit entfernt von dieser Liga: Joko & Klaas.

Auch bei Gottschalk und Jauch macht die geschmeidig zelebrierte Widersprüchlichkeit den eigentlichen Reiz aus: Gottschalk – studierter Germanist und Lehrer – gibt sich als schlichter Showmalocher im Steinbruch der Unterhaltung. Während Jauch – Studienabbrecher und Privatfernsehheld – als spitzbübischer Schwiegersohn und Sachwalter bürgerlicher Bildung gilt, bloß weil er ein Quiz moderiert. Beides ist Masche. Aber es wirkt.

Weitere Ausgaben sind im Oktober und – im Erfolgsfall – zweimal im Frühjahr 2014 geplant. Das Problem: Für Spontaneität ist im engen Showkorsett kaum Platz, obwohl zumindest Jauch ja inzwischen praktisch jedes Mal den Grimme-Preis zu bekommen scheint, wenn er seinen Stuhl verlässt. „Ein Erfolg würde an meinem Leben nichts ändern, ein Misserfolg aber auch nicht“, sagte er kürzlich. „Scheitern kann lustiger sein als gewinnen“, findet Gottschalk, obwohl er das Scheitern am ARD-Vorabend alles andere als lustig fand. Bis 2015 steht er noch bei RTL unter Vertrag. Bis dahin wird sich zeigen, ob in der Medienwelt 2013 noch Platz ist für alte Zirkuspferde.

„Die 2 Gottschalk & Jauch gegen alle “ läuft am Montag, 9. September, um 20.15 Uhr auf RTL

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