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21:40 07.10.2014
Imaginäre Freunde: Dr. Daniel Pierce (Eric McCormack, rechts) erscheint die Halluzination seines jungen Ichs, DJ Pierce (Shane Coffey). Quelle: Vox
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Das Muster ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Hübsche junge FBI-Agentin lässt sich auf die Partnerschaft mit einem brillanten, aber aus der Art geschlagenen älteren Mann ein, um Verbrecher zur Strecke zu bringen. Vorbild für diese Kombination waren Hannibal Lecter und Clarice Starling in „Das Schweigen der Lämmer“, und bislang ist die Besetzung aus der Verfilmung des Romans unerreicht: Anthony Hopkins und Jodie Foster waren ein Traumpaar. James Spader konnte immerhin als verbrecherisches Superhirn in der US-Serie „The Blacklist“ glänzen, aber den Namen der jungen Schauspielkollegin wird sich kaum jemand gemerkt haben (Megan Boone). Auch „Perception“ leidet unter diesem Manko: Die männliche Hauptfigur ist charismatisch und mit Eric McCormack (der schwule Rechtsanwalt Will aus „Will & Grace“) interessant besetzt; Rachael Leigh Cook an seiner Seite ist zwar attraktiv, aber auch ein bisschen langweilig.

Die Serie lebt also zwangsläufig vom Protagonisten: Dr. Daniel Pierce ist Professor für Neuropsychiatrie und berät das FBI in besonders kniffligen Fällen, weil seine „Pforten der Wahrnehmung“ (Perception) deutlich weiter geöffnet sind als beim Rest der Menschheit. Allerdings zahlt er dafür einen hohen Preis: Seine Halluzinationen sind so realistisch, dass er sich nie sicher sein kann, ob die Person, mit der er gerade kommuniziert, nicht bloß in seiner Einbildung existiert. In der Vorlesung, mit der ihn die Serie einführt, geht es daher um die Frage, was real sei. Seine Antwort: „Realität ist ein reines Produkt der Fantasie.“ Wenigstens helfen ihm seine imaginären Begleiter beim Lösen der Fälle.

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Das ist durchaus faszinierend und von McCormack auch glaubwürdig gespielt, zumal Pierce im Universitätsalltag immer wieder in Fettnäpfchen tappt, die er sich selbst in den Weg gestellt hat. Auch die Geschichten sind interessant. In der Auftaktfolge ist der Leiter der Rechtsabteilung eines Pharmakonzerns ermordet worden. Das Unternehmen hat seit geraumer Zeit Mails bekommen, in denen ein Anschlag angedroht wird; tatsächlich ist die Mutter des Absenders beim Test eines neuen Medikaments an den Nebenwirkungen gestorben. Mithilfe eines Fantasieinformanten findet Pierce jedoch heraus, dass hinter dem Mord ganz andere Motive stecken. Während die FBI-Agentin in „The Blacklist“ wenigstens noch Opfer einer Verschwörung war, hat Rachael Leigh Cook als Spezialagentin Kate Moretti im Grunde kaum mehr zu tun, als McCormack die richtigen Stichwörter zu liefern: Die junge Frau erklärt den Fall und beobachtet dann staunend, wie die Synapsen des Professors arbeiten.

Nun ist es filmisch unbefriedigend, jemandem beim Denken zuzuschauen; es sei denn, es handelt sich um einen exzellenten Schauspieler. Besonders viel ist Kenneth Biller und Mike Sussman, den Schöpfern von „Perception“, nicht eingefallen, um die Serie optisch abwechslungsreich zu gestalten: Wenn Pierce ahnt, dass sich hinter einem Text ein Anagramm verbirgt, beginnen die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen. Das erinnert ein wenig an „Sherlock“, zumal auch Pierce selbst in geschlossenen Räumen gern seinen Mantelkragen hochschlägt. Davon abgesehen ist die Bildgestaltung der britischen Fernsehfilme ungleich abwechslungsreicher.

Immerhin bleibt den Zuschauern die Enttäuschung vieler anderer US-Serien erspart, die nach einem Dutzend Folgen wieder eingestellt wurden: In Amerika lief diesen Sommer bereits die dritte Staffel.

Tilmann P. Gangloff

Programmtipp

„Perception“, US-Krimiserie. Am Mittwoch um 20.15 Uhr auf Vox.