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17:07 03.11.2009
Von Imre Grimm
Wird neuer Chefredakteur des "Focus": Wolfram Weimer. Quelle: ddp
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Vorbei sind die stolzen Zeiten. Dem „Focus“ geht es schlecht, die Auflage sinkt stetig, und die politische Relevanz war auch schon höher. Der Mann, der den Patienten wieder fitspritzen soll, womöglich gar dauerhaft gesunden lassen, heißt Wolfram Weimer, 44 Jahre alt, liberal-konservativ, debattenfreudig, Zeitschriftengründer. Spätestens am 1. September 2010 wird er neuer Chefredakteur des „Focus“. Ein Mann ganz nach dem Geschmack von Verleger Hubert Burda (69). Auch er mehr eloquenter Spieler als systematischer Planer, so wird er jedenfalls beschrieben.

Beim „Focus“ soll die Freude groß gewesen sein, als vergangene Woche die Personalie Weimer durchrutschte. „Auf den Gängen herrschte Jubel“, sagt ein Kollege. Nicht, weil sie den Walleschopf des 72-jährigen Patriarchen Markwort allmählich nicht mehr sehen können auf den Fluren in München, sondern weil gleichzeitig bekannt wurde, dass Markworts Kronprinz Uli Baur (53), der seit 1993 an Bord ist, künftig gleichberechtiger Vize in einer Doppelspitze mit Weimer wird. Die Münchener „Focus“-Redaktion, wie viele Redaktionen in Deutschland verunsichert durch Stellenabbau, einbrechende Anzeigenmärkte und Sparrunden, erhofft sich von Baur Kontinuität, Stabilität, Ruhe.

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Und von Weimer? In der Bundesliga der deutschen Medienhäuser ist der Mann kein Unbekannter. Nach der Gründung einer Schülerzeitung mit dem schönen Titel „Der schwarze Elch“ begann seine Karriere in der Wirtschaftsredaktion der „FAZ“. Vier Jahre war er Korrespondent in Madrid, dann wechselte er zu Springer, stieg im Windschatten seine Förderers Mathias Döpfner zum Chefredakteur der „Welt“ auf, deren Redaktion er 2001 mit der der „Berliner Morgenpost“ verschmolz („Projekt Alpha“) – 150 Stellen fielen damals weg. 2002 kam es zum Bruch mit Springer. Weimer soll etwas zu offensiv mit dem Herausgebergremium der „FAZ“ geflirtet haben, heißt es.

Seit 2004 finanziert ihm der schweizerische Verleger Michael Ringier einen Lebenstraum: ein politisches Debattenmagazin aus Berlin. Titel: „Cicero“. Inhalt: anspruchsvolle Texte und Fotos, Kunst auf dem Cover, namhafte Gastautoren, elitär im Ton, ein gedruckter Salon. Auflage: 81.000 pro Monat, Tendenz steigend. Die Kritik lobte das „Magazin für politische Kultur“, und inzwischen lassen es die sogenannten „Entscheider“ auch gern offen in ihren Audis und BMWs liegen.

Weimers Sternstunde kam, als 2004 die Staatsanwaltschaft die Redaktionsräume von „Cicero“ durchsuchte, weil der Reporter Bruno Schirra in einer Geschichte über den al-Kaida-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi aus einem geheimen Papier des Bundeskriminalamts zitiert hatte. Der Verfassungsschutz suchte erfolglos nach dem Leck in den eigenen Reihen – und Weimer witterte die Chance auf eine kleine „Spiegel“-Affäre („Angriff auf die Pressefreiheit!“).

Nun also München. Schon länger war klar, dass Markwort sich Ende 2010 auf den Herausgeberposten zurückziehen wird – wer freilich sein Nachfolger wird, gar neuer „Erster Journalist“ im Hause Burda, war ein beliebtes Rätselspiel in der Medienwelt. „Spiegel“-Mann Gabor Steingart? „Bild“-Chef und Hobbyblogger Kai Diekmann? „WAZ“-Chef Ulrich Reitz?

Die Nach-Markwort-Ära beim „Focus“ hat der alte Kämpfer noch selbst eingeleitet: Ein großer Relaunch steht Anfang 2010 bevor, man will weg vom bunten Klein-Klein der Gründungsjahre, die Texte sollen 20 Prozent länger, die Bilder größer, das Magazin ruhiger werden. Was 1993 als publizistischer Kontrapunkt zum „Spiegel“ gedacht war – Grafiken, Kästchen, Listen, kurze Texte und dazu Markworts ewiges „Fakten, Fakten, Fakten“-Gewitter – scheint nun wie aus der Zeit gefallen. Man könnte auch sagen: Der „Focus“ will „spiegeliger“ werden. Denn Markworts Lebenswerk hat ein dickes Problem: Die Auflage lag zuletzt bei 614.000 Exemplaren pro Woche – Rekordtief. 2003 waren es noch 824.000. Der Platzhirsch „Spiegel“ ist mit 1,04 Millionen auf und davon geeilt. Dazu die Anzeigenkrise. Es sieht ernst aus.

Markworts Erbe anzutreten wird nicht leicht, Weimer weiß das natürlich. Der Autor von Büchern wie „Credo – Warum die Rückkehr der Religion gut ist“ versteht sich nicht als Experimenteur, sondern als Vertreter eines aufrechten Neo-Bürgertums, der, wie er mal schrieb, „aus dem Schutt des Ironischen die Grundmauern der Tradition wieder freilegen“ will. „Freiheit. Gleichheit. Bürgerlichkeit. Warum die Krise uns konservativ macht“, heißt sein neuestes Buch. Seine „Cicero“-Kolumne „Weimers Welt“ hat das CSU-Organ „Bayernkurier“ auf seiner Homepage verlinkt. Weimer nimmt neoliberales Wortgut wie „Multi-Kulti-Lüge“ in den Mund oder gar „Öko-Terrorismus“, wenn es um die Warnungen vor dem Klimawandel geht.

Den „guten, alten Qualitätsjournalismus“ wolle er fördern, sagte er im Mai dem „Tagesspiegel“. „Überall schlachten sie Redaktionen, schließen Zeitschriften, reißen Korrespondentennetze ein, zwingen Feuilletons in Lifestyle-Kleidchen“, sagte er. „Überraschende Analysen und offensives Querdenkertum“ würden immer seltener. „Was ist eine Gesellschaft, in der es keine [erhobenen] Zeigefinger mehr gibt? Eine Gesellschaft geballter Fäuste oder winkender Flachhand-Teletubbies. Die richtungslose Spaßgesellschaft hat sich erledigt.“ Er stehe für „Salon statt Boulevard, Denkwert statt Nutzwert und Qualität statt Billigheimertum.“ Beim „Focus“ wird man’s mit Interesse gelesen haben.

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