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Medien & TV Wenn Kritik in Hass umschlägt
Nachrichten Medien & TV Wenn Kritik in Hass umschlägt
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20:41 20.03.2015
Schilder wie dieses sind in den vergangenen Wochen immer wieder auf Pegida-Demos gezeigt worden.
Schilder wie dieses sind in den vergangenen Wochen immer wieder auf Pegida-Demos gezeigt worden. Quelle: dpa
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Hannover

Die Abstände, in denen Anschläge auf Medienhäuser verübt werden, scheinen sich zu verkürzen. In der Nacht zu Freitag hat es eine Geschäftsstelle der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ) im sächsischen Eilenburg getroffen. Das Motiv ist unbekannt: Waren es tatsächlich Vertreter einer braunen Gesinnung, die Journalisten und Verlage einschüchtern wollen?

Die Kollegen der LVZ, die ebenfalls zur Madsack Mediengruppe gehört, sind mit diesem Problem nicht allein. Nach einer Neonazi-Kundgebung in Nordrhein-Westfalen haben erst kürzlich Demonstrationsteilnehmer einen Journalisten überfallen. In der Dortmunder Innenstadt verfolgten sie den Mann und bewarfen ihn mit Steinen. Auch Tageszeitungen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern waren in den vergangenen Jahren mehrmals Zielscheibe Rechtsextremer. Mal wurden Fensterscheiben beschmiert, mal Steine geworfen, mal Schweinsgedärm ans Redaktionsschild gehängt.

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt, von Nazis verübte Anschläge seien, so zynisch es klingen mag, Teil der Realität. Das habe es immer schon gegeben. Insofern sei es fast beunruhigender, sollte ein Anschlag wie jener in Eilenburg einen anderen Grund gehabt haben: „Es besteht in der aktuellen Stimmungslage die Gefahr, dass die ideologisch radikalisierte Fraktion der Medienverdrossenen in den Medienhass abdriftet, sich in einer aggressiven und im Letzten gewaltbereiten Selbstgerechtigkeit verliert.“

Angriffe auf die Pressefreiheit

Erst vor gut zwei Wochen ist es in Hamburg zu mehreren Festnahmen gekommen. Die Männer im Alter zwischen 16 und 21 Jahren stehen im Verdacht, im Januar Steine und Brandsätze in das Redaktionsgebäude der „Hamburger Morgenpost“ geworfen zu haben. Der Tat ging der Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris voraus. Die dortigen Morde haben weltweit Entsetzen ausgelöst - auch, weil der Anschlag einem Grundwert jedes demokratischen Landes galt: der Pressefreiheit. Das Motiv ist bekannt. Die Attentäter fühlten sich durch die Karikaturen vom Propheten Mohammed provoziert. In Hamburg werde daher ein islamistischer Hintergrund vermutet, sagt Chefredakteur Frank Niggemeier. Die Verdächtigten sind dem Verfassungsschutz offenbar bekannt. Laut einer Bürgerschaftsanfrage der CDU hätten sie an Infoständen der Koran-Verteilungskampagne „Lies!“ teilgenommen.

Klassische Medien als Zielscheibe

Doch zurück zum Anschlag in Sachsen: Einen Hinweis auf mögliche Täter gibt die hinterlassene Schmiererei. Auf die Eingangstür der Geschäftsstelle hat jemand das Wort „Lügenpresse“ geschmiert, jene zum Unwort des Jahres gekürte Propaganda-Vokabel, mit der die Pegida-Bewegung zu neuem Leben erwacht ist. Pörksen sagt, man dürfe die höchst unterschiedliche Bewegung der Medienverdrossen nicht dämonisieren. „Es gibt hier sehr unterschiedliche Köpfe, Gruppen und Ideen - berechtigte, analytische Medienkritik, kluge Einsprüche und akribische Fehlerrecherchen, aber eben auch Verschwörungstheorien und pauschale Anklagen.“ Und offensichtlich gibt es Menschen, die glauben, es reiche nicht, Argumente auszutauschen. Stattdessen wird gepöbelt und gedroht. Der Schritt zur Gewalt scheint nicht weit. Klassische Medien als Überbringer von Nachrichten dürften dabei auch als Zielscheibe dienen, weil sie größtmögliche Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit bieten.

Mehr denn je werben Medien derzeit um Vertrauen. Fehler werden korrigiert, Kritik thematisiert. ZDF-Chefredakteur Peter Frey sagte dazu: „Wer 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche sendet, analog, digital und online, dem unterlaufen trotz aller Anstrengungen von Redaktion und Korrespondenten gelegentlich auch Fehler. Diese wollen wir schnell korrigieren - Transparenz ist hier das beste Mittel gegen Verschwörungstheorien und Manipulationsvorwürfe.“

Von Ulrike Simon

Rainer Wagner 19.03.2015
19.03.2015