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09:21 04.01.2015
Abschied am Gutshaus: Ihr Vater Georg wird in den Westen gehen, Anna (Henriette Confurius) bleibt zurück.
Abschied am Gutshaus: Ihr Vater Georg wird in den Westen gehen, Anna (Henriette Confurius) bleibt zurück. Quelle: ZDF
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Eigentlich hätte gar nichts schieflaufen können mit „Tannbach“. Die Idee, 70 Jahre nach Kriegsende deutsch-deutsche Geschichte in der Provinz zu erzählen, ist einleuchtend. Das fiktive ZDF-Tannbach ist dem realen Dorf Mödlareuth an der bayerisch-thüringischen Grenze nachempfunden. Mitten durch „Klein-Berlin“ verlief der Eiserne Vorhang. Ein Dorf wird zerteilt, und aus den Nachbarn links und rechts des Baches werden „hüben“ und „drüben“. Rund 120 Dorfbewohner also, aus denen man ein Dutzend Figuren destillieren kann. Eigentlich perfekt. Für eine Miniserie mit sechs bis acht Episoden.

Uninspiriertes Gesichtsfernsehen

Das ZDF aber hat einen Dreiteiler bestellt, wie jedes Jahr im Januar. Und wohl auch, um im Format an den Erfolg des Weltkrieg-Melodrams „Unsere Mütter, unsere Väter“ („UMUV“) vor zwei Jahren anknüpfen zu können. Und daher geht leider alles den Tannbach herunter. Was aus der guten Idee geworden ist: viel zu gedrängtes, viel zu uninspiriertes Geschichtsfernsehen, Abziehbilder statt spannender Charaktere. Wo „UMUV“ sich auf fünf Hauptpersonen konzentrierte, die sich entwickeln und verändern durften, die scheitern und brechen konnten, muss „Tannbach“ einem ganzen Dutzend Raum geben. Die Folge: Fast alle mutieren zu Aufsagemaschinen aus dem Bildungsfernsehen – und das, obwohl sie von Deutschlands besten Schauspielern dargestellt werden. Martina Gedeck, Nadja Uhl, Ronald Zehrfeld, Heiner Lauterbach, Alexander Held, Ludwig Trepte – kaum auszudenken, wie platt „Tannbach“ hätte werden können, hätte man nicht auf diesen Edel-Cast zurückgreifen können.

„Tannbach“ – eine Nachkriegsstory

Mit Kriegsende beginnt die Geschichte – und das zunächst durchaus spannend: Von Westen rollen die Amerikaner heran, im Dorf verschanzt sich der Volkssturm, und im Gutshof nimmt ein SS-Erschießungskommando Aufstellung. Die Gräfin Caroline von Striesow soll verraten, wo sich ihr Mann versteckt hält, der als Major an der Ostfront desertiert ist. Dieser Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) steht mit seiner Tochter Anna (Henriette Confurius) hinter der Gardine. Sie schauen alles mit an, aber der Graf traut sich nicht heraus, um seine Frau zu retten. Die Schüsse fallen, als der erste US-Jeep das Gutstor erreicht.

Die Amerikaner rücken ein, nicht als Befreier, sondern als Besatzer. Sie deportieren bald den Grafen, und die nun vater- und mutterlose Anna sucht neuen Halt an der schmalen Schulter des Flüchtlingsjungen Friedrich (Jonas Nay). Dessen Vater, ein Berliner Kommunist, verschwand im KZ Sachsenhausen. Vor den Bomben der Alliierten floh die Restfamilie aufs Land: die flamboyante Mutter Liesbeth (Nadja Uhl), ihr Friedrich und ihr Ziehsohn Lothar (Ludwig Trepte), dessen jüdische Eltern ebenfalls im Lager endeten.

Karikaturen statt Protagonisten

Die Liebe zwischen Friedrich und Anna ist Dreh- und Angelpunkt des Dreiteilers. Zwei Nachkriegskinder müssen zwischen Ost und West ihren eigenen Weg suchen. Das Gut der Striesows liegt in Tannbach-Ost. Anna wird bald enteignet, Friedrich aber profitiert: Er bekommt fünf Hektar Neubauernland und wird Vertrauter des SED-Landrats (Ronald Zehrfeld). Bald werden sie Eltern und richten sich ein im neuen System. Diese beiden jungen Menschen müssen ganz „Tannbach“ tragen, denn den allermeisten anderen Personen wird kein vielschichtiger Charakter zugestanden. Franz Schober (Alexander Held) zum Beispiel, eigentlich eine tolle Figur: Der frühere NS-Ortsbauernführer dient sich erst den Amerikanern an, kommt sogar bei den Russen davon und hat auch in der jungen Bundesrepublik nichts als Glück. Das ist eine Karikatur, kein Protagonist. Zweifel, gar menschliche Regungen, sind diesem Haustyrannen unbekannt. Oder Lothar, der jüdische Junge. Ludwig Trepte spielte schon in „UMUV“ den Alibi-Juden, nun tut er es erneut. Wieder ist an seiner Leistung nichts zu kritisieren, umso mehr an der Figur. Die wird allen Ernstes zum Schmuggler und Fluchthelfer und verkörpert damit ein antisemitisches Klischee der Nachkriegszeit.

Nein, mit „Tannbach“ konnten Produzentin Gabriela Sperl und Regisseur Alexander Dierbach leider doch einiges falsch machen. Und daran ist noch das Unwichtigste, dass viele Protagonisten an der oberfränkisch-thüringischen Grenze breitestes Bayerisch reden, als läge das Dorf in den Voralpen.

Jan Sternberg

TV-Tipp „Tannbach“

„Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ | ZDF | Dreiteiler mit Martina Gedeck, Henriette Confurius, Nadja Uhl und Heiner Lauterbach | Sonntag, Montag und Mittwoch (7. Januar) jeweils um 20.15 Uhr

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