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Medien & TV Zur Schule paddeln, klettern, gleiten
Nachrichten Medien & TV Zur Schule paddeln, klettern, gleiten
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08:13 02.09.2013
Von Tatjana Riegler
Lernen gegen alle Widerstände: arte zeigt in einer Doku-Reihe „Die gefährlichsten Schulwege der Welt“ Quelle: Maximus Film GmbH
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Im ersten Morgenlicht wickeln sich Mariella und Belinda in ihre blaue Schultracht. Danach flechten sich die Mädchen schnell die Haare. Haareflechten steht bei den Uru-Familien in Peru für Kraft und Stärke, und Mariella und Belinda, neun und sechs Jahre alt, können beide Begleiter gut gebrauchen. Denn ihr Schulweg führt sie in einem kleinen Ruderboot über den 8300 Quadratmeter großen Titikakasee mit seinen unendlichen Weiten und zwölf Grad Wassertemperatur – wer hier nicht schwimmen kann, ertrinkt.

Es ist einer der gefährlichsten Schulwege der Welt. Und doch nehmen ihn die beiden Uru-Kinder jeden Morgen auf sich, um von ihrer heimatlichen Schilfinsel auf ihre Schulinsel zu gelangen. „Um später zu studieren“, wie der elfjährige Vidal sagt. Seine Mutter hingegen ist schon froh, wenn er später – am Nachmittag – unversehrt heimkehrt.

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Es sind Bilder eines großen Abenteuers, die Regisseurin Kim Rigauer in den Höhen Perus eingefangen hat – des Abenteuers Leben. Alltägliche Gefahren, alltägliche Angst, aber auch alltägliche Neugierde. Und Freude. All dies verbindet die fünf Episoden, die arte in der kommenden Woche täglich von 18.25 Uhr zeigt. „Die gefährlichsten Schulwege der Welt“ dokumentieren jeweils 43 Minuten lang eine spektakuläre Mischung aus faszinierendem Naturschauspiel, enormer Belastung und riesigem Wissensdurst.

Da ist beispielsweise der kleine Ajit in Nepal, dem jeden Morgen der Absturz droht. Wenn er sein Dorf Kumpur verlässt, muss er nicht nur Schakalen und Tigern aus dem Weg gehen, sondern auch den reißenden Strom Trishuli überqueren. Dazu steigt er in einen Metallkorb, der an einem rostigen Drahtseil über das 60 Meter breite Gewässer führt – und mit den Händen in Bewegung gesetzt werden muss. Ein kraftraubendes Unterfangen, das am anderen Ufer noch nicht beendet ist. Dort, am Highway, müssen Ajit und seine Kumpel darauf setzen, dass sie ein Autofahrer mit in die Stadt nimmt.

Einen Wettlauf mit dem Tod liefert sich auch Moseka jeden Morgen: Der achtjährige Massai-Junge muss auf seinem mehrstündigen Schulweg über die staubigen Straßen der kenianischen Dornsavanne nicht nur Hunger und Durst ertragen – er muss immer mit Angriffen von hungrigen Löwen oder Hyänen rechnen. Doch Regisseur Joachim Förster hat auch die schönen Seiten des Naturerlebnisses eingefangen: Wenn die Jüngsten den Gazellen oder Gnus hinterherjagen, wirken sie dabei so glücklich wie hannoversche Kleinkinder auf Taubenjagd. Doch der Vergleich mit westlichen Maßstäben, mit Debatten um Fahrtkostenübernahme, Schulbusse oder den Umgang mit Schulschwänzern verbietet sich.

Schulpflicht? Hier ist die reine Schulfreude zu spüren. Zwar mag nicht jedes Kind zu jeder Zeit rechnen üben oder Gedichte aufsagen – aber neugierig sein, Ideen haben, das geht immer, auch unter den widrigsten Umständen. An vielen Orten der Welt gilt es als Privileg, die Schule zu besuchen: Dieses Gefühl vermitteln die Kinder, und diese Botschaft kommt an.

Mit Romantik hat das nichts zu tun. Für die Schüler gilt es, die von klein auf gelernten Überlebenstaktiken anzuwenden. Auch für Motup, wenn er sein Dorf Zangla in 4000 Metern Höhe im indischen Himalaja verlässt. Viermal im Jahr geht der Zehnjährige seine Route ins Internat, die ihn 100 Kilometer über einen meist zugefrorenen Fluss namens Chadar führt, der sich urplötzlich in einen reißenden Strom wandeln kann. Angst und Tränen sind Motups Begleiter durchs tibetische Hochgebirge, das Filmemacher Leonhard Steinbichler in atemberaubenden Bildern zeigt.
Auch der kälteste bewohnte Ort der Welt birgt Gefahren. Besonders, wenn man so gerne trödelt wie Alioscha im sibirischen Oimjakon.

Vier Kleidungsschichten, darüber zwei Jacken, zwei Paar Handschuhe und eine mollige Mütze aus Pelz, zieht ihm sein Mutter jeden Morgen an, doch nach wenigen Minuten ist all dies durchgefroren. Den Schulbus zu verpassen – das hat Regisseur Raphael Lauer erfahren –, kann bei durchschnittlichen Wintertemperaturen von minus 40 Grad inmitten der Eiswüste fatal enden.
Fürs Leben lernen? Wenn Mariella, Ajit und Co. endlich ihre Schulbank erreichen, haben sie die wichtigsten Lektionen schon hinter sich.