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Medien & TV Zuschauer werden Teil des Krimis
Nachrichten Medien & TV Zuschauer werden Teil des Krimis
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06:15 06.09.2012
Von Johanna Di Blasi
Bilderstürmer: Streetart-Künstler Arturo (Johan Leysen) im Kreis seiner coolen Guerilla-Gruppe „The Spiral“ in Kopenhagen.
Bilderstürmer: Streetart-Künstler Arturo (Johan Leysen) im Kreis seiner coolen Guerilla-Gruppe „The Spiral“ in Kopenhagen. Quelle: arte
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Berlin

Schnitzeljagden sind im Kommen, nicht nur bei Kindergeburtstagen. Anhänger der Geocaching-Bewegung spüren beispielsweise mit Smartphones und GPS reale Schätze auf. Die belgisch-dänisch-niederländisch-schwedisch-finnisch-norwegische (!) TV-Produktion „The Spiral“, eine heute anlaufende fünfteilige interaktive Serie von Hans Herbots (immer montags um 20.15 Uhr auf arte), ist ebenfalls als Schnitzeljagd angelegt. Der aufwendige Krimi, der zeitgleich in acht europäischen Ländern ausgestrahlt wird, bewegt sich im Spannungsfeld von Superreichen auf der einen und Outlaws, Straßenkünstlern und Hackern auf der anderen Seite.

Zuschauer sind angehalten, parallel zum blutigen Krimi im Internet unter www.thespiral.eu bei einem interaktiven Spiel Spuren zu folgen, die in der TV-Serie ausgelegt werden. Das Konzept ist bestechend: „The Spiral“ bezieht auch die reale Welt ein. Couchpotatoes werden animiert, reale Schauplätze zu besuchen und fiktive Diebstähle und Verbrechen zu verfolgen.

Der Plot geht so: Arturo (Johan Leysen), ein charismatischer Streetart-Künstler, der ähnlich wie Banksy seine Identität verschleiert, schart in Kopenhagen in einer leer stehenden Industrie-Immobilie einen Anhängerkreis um sich. Die jungen Leute nennen sich Künstler, zupfen ein bisschen an der Gitarre und tragen coole Kapuzenjacken. Auf Kommando schwärmen sie zu Guerilla-Aktionen mit sozialkritischer Stoßrichtung in den urbanen Raum aus. Überraschungscoups sehen so aus: Bei einer piekfeinen Vernissage lässt die Bande falsche Euro-Scheine auf Partygäste regnen.

Etwas weniger harmlos ist eine konzertierte Aktion unter dem Decknamen „Art, not Money“, bei der die Gang aus sechs großen Museen zwischen Brüssel, Stockholm und Helsinki Meisterwerke von Munch, Picasso und Rubens raubt – angeblich weil die Gemälde mächtigen internationalen Konzernen helfen, Steuern zu sparen. Kunstliebhaber lässt erstarren, wie die jungen Leute die kostbaren Bilder in grobes Papier einschlagen und unter den Arm klemmen.

Diese Stelle in dem TV-Drama ist zentral für die Verschränkung mit der interaktiven Ebene im Internet. Dort können Zuschauer auf einer Europakarte verfolgen, wie die geraubten Gemälde kreuz und quer über den Kontinent verfrachtet werden. Die Spieler können Punkte gewinnen, wenn sie Orte auf der Landkarte lokalisieren, aber auch, wenn sie die betroffenen Museen besuchen, sich dort fotografieren lassen und die Bilder im Internet posten.

Auf spielerische Weise wird das Publikum nicht nur zum TV-Konsum angehalten, sondern gleich auch noch zum Museumsbesuch in Stockholm oder Eindhoven.

Es gibt allerdings ein Problem: Die Geschichte um Arturo, der von den Europol-Agenten Rose Dubois (Lien Van de Kelder) und Juha Virtanen (Tommi Korpela) gestellt wird, wirkt willkürlich, die  Streetart-Gruppe, die den großen Coup auch ohne ihren Vordenker durchzieht, blass. Geradezu triefend kitschig ist die Zeichnung der künstlerischen Untergrundkämpfer. Das letzte Refugium des romantischen Küstlerbildes ist der Street­art-Künstler. Der kreative Witz und überlegene Charme eines Banksy aber geht den Machern von „The Spiral“ gänzlich ab.

Die fünfteilige interaktive Krimiserie startet am Montag um 20.15 Uhr bei arte.

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