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Medien „Axolotl Roadkill“ – Erwachsenwerden als Graus in der Reihe „Filmdebüt im Ersten“
Nachrichten Medien „Axolotl Roadkill“ – Erwachsenwerden als Graus in der Reihe „Filmdebüt im Ersten“
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11:00 10.06.2019
Verantwortung, nein Danke: Zur Schule gehen macht für Mifti (Jasna Fritzi Bauer) weniger Sinn, als ihr Leben zwischen Partys, Drogen und Affären zu verbringen. Quelle: Foto: Lina Grün/rbb
Berlin

Es ist schon eine gute Tradition. Alle Jahre wieder im Sommer zeigt die ARD das „Filmdebüt im Ersten“. Eine Nachwuchsreihe, in der sie jungen Regisseurinnen und Regisseuren außerhalb von Filmhochschulen und Festivals eine Chance gibt, ihre Werke einem größeren Publikum zu präsentieren.

Filmdebüt im Ersten“ – Die zwölf Premieren laufen zu später Stunde

In diesem Jahr stehen vom 11. Juni bis zum 16. Juli zwölf neue Filme im Angebot, und viele davon sind Free-TV-Premieren. Dennoch laufen die Beiträge leider ausschließlich spätabends, wie auch „Axolotl Overkill“, das deutlich nach Mitternacht gesendet wird. Aber zum Glück gibt es ja für solche Fälle Aufnahmegeräte. Eine Mühe, die sich lohnt.

Mit dem komödiantischen Drama hat die heute 27-jährige Helene Hegemann 2017 ihren eigenen Roman „Axolotl Roadkill“ verfilmt, der bei seinem Erscheinen vor neun Jahren von der Kritik als großer Coming-of-Age-Roman der Nullerjahre gefeiert wurde. Kurz danach sorgte das Buch allerdings für eine heftige Kontroverse, weil Hegemann einzelne Formulierungen und Passagen bei einem Blogger abgeschrieben haben sollte.

Dennoch wurde der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und später in mehrere Sprachen übersetzt. Inzwischen arbeitet die Wahl-Berlinerin auch als Regisseurin am Theater und verfasst weiterhin erfolgreich Bücher. So gelangte ihr dritter Roman „Bungalow“ 2018 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

Axolotl Roadkill – ein Axolotl wird nie erwachsen

Worum es in dem Film dieses medialen und offenbar gut mit den Regeln und Gesetzen des Kulturbetriebs spielenden „Wunderkindes“ geht, das deutet schon der exotische Titel „Axolotl Overkill“ an. Ein Axolotl, erklärt in dem Drama ein vom Comedian Oliver Polack gespielter Tierhändler, ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der sein Leben als Dauerlarve verbringt – ohne die sonst üblichen Metamorphosen zu durchlaufen.

Er wird also gleichsam nie erwachsen. Und Erwachsenwerden ist auch für die Protagonistin des Films, die erst 16-jährige Mifti, ein Graus. Allein schon wegen der abschreckenden Beispiele, die sie umgeben.

Mifti, wunderbar verkörpert von Jasna Fritzi Bauer, lebt nach dem Tod ihrer Mutter in einer Berliner Wohngemeinschaft mit ihrer älteren Schwester (Laura Tonke) und ihrem Bruder, während ihr wohlhabender Vater sich lieber um die Kunst als um seine Tochter kümmert. Und der Film begleitet nun in kurzen, scheinbar chaotisch hintereinandermontierten Episoden das genauso chaotische Leben seiner Protagonistin.

Axolotl Roadkill – ist alles Realität oder nur Fantasie

Dabei kommt es für sie zu aufregenden Begegnungen, wilden Abenteuern und zwischendurch auch zu depressiven Phasen. Und es entwickelt sich eine schöne Freundschaft mit der jungen drogenabhängigen Schauspielerin Ophelia (Mavie Hörbieger), die in Miftis Schulkantine Sozialstunden ableisten muss.

Allerdings weiß der Zuschauer bei alldem nie so genau, ob das Gezeigte nun Realität ist oder sich vielleicht nur in Miftis Fantasie abspielt. Selbst eine kurze, heftige sexuelle Beziehung zu einer älteren Frau, die für sie zu einer Art Mutter-Ersatz wird, könnte von ihr beispielsweise nur herbeifantasiert sein. Genau natürlich wie der Pinguin, der plötzlich durch eine Altbauwohnung watschelt. Ein netter lustiger Gag, der die ernste Stimmung bestens auflockert.

Vieles, ja vielleicht manchmal zu vieles bleibt bei diesem Film offen. Er deutet lediglich an, erklärt nicht jedes Detail, lässt also oft mehrere Interpretationen und Varianten zu. Und er ist bis zum Schluss konsequent aus der Sicht einer jungen heranwachsenden Frau erzählt, die sich wirklich jeder Autorität widersetzt, die ihren Weg geht, aber nicht weiß, wohin er führt.

Axolotl Roadkill – Hegemann verliert nie ihren Witz

Was zudem angenehm auffällt, ist, dass Hegemann in ihrer Inszenierung nie ihren Witz verliert, dennoch emotionale Momente völlig ironiefrei in Szene setzt und auch nie auf die Tränendrüse drückt. Und vor allem verklärt sie nicht die exzessiven nächtlichen Feiern und den ausschweifenden Drogenkonsum ihrer Figuren.

Kurzum. Ein faszinierendes und musikalisch rasant inszeniertes Porträt, dem allerdings ein wenig der Tiefgang fehlt. Dennoch begleitet der Zuschauer die Heldin Mifti und ihre sonderbaren Freunde einfach gern durch das nächtliche Berlin. Und fühlt sich hinterher fast genauso erschöpft wie diese Partyrebellen.

Filmdebüt im Ersten“ – alle Filme, alle Termine

Das ist im „Filmdebüt im Ersten“ zu sehen: „Mängelexemplar“ von Laura Lackmann (11. Juni, 22.45 Uhr; „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann (12. Juni, 0.50 Uhr); „Marija“ von Michael Koch (18. Juni, 22.45 Uhr); „Tiger Girl“ von Jakob Lass (19. Juli, 0.40 Uhr) „Jonathan“ von Pjotr J. Lewandowski (25. Juni, 22.45 Uhr); „Jenseits des Spiegels“ von Nils Loof (26. Juni, 0.35 Uhr); „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger (2. Juli, 22.45 Uhr); „Schwester Weiß“ von Dennis Todorovic (3. Juli, 0.35 Uhr); „Sommerhäuser“ von Sonja Maria Kröner (9. Juli, 22.45 Uhr); „Lux – Krieger des Lichts“ (10. Juli, 0.35 Uhr) von Daniel Wild; „Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki“ von Juho Kuosmanen (16. Juli, 22.45 Uhr); „Zwischen den Jahren“ von Lars Henning (16. Juli, 0.35 Uhr).

Von Ernst Corinth

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