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Medien Tüll Aviv – Das ESC-Tagebuch aus Tel Aviv. Tag 2: Party unter Polizeischutz
Nachrichten Medien Tüll Aviv – Das ESC-Tagebuch aus Tel Aviv. Tag 2: Party unter Polizeischutz
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08:52 15.05.2019
Die Sicherheit ist ein überraschend unaufgeregtes Thema in der ESC-Stadt Tel Aviv. Quelle: Imre Grimm
Tel Aviv

„Nein“, sagt der Begrüßungsbeauftragte am Flughafen Ben Gurion. „Nicht Ausgang Drei!“ Es ist halb vier Uhr morgens. Mein Gehirn befindet sich im tranceartigen Dämmerzustand des Transitreisenden. Es fühlt sich an wie frisch durch ein Sieb gepresst. Der smarte Begrüßungsbeauftragte dagegen sieht wahrscheinlich rund um die Uhr genau so jung, fit und start-up-mäßig begrüßungsbeauftragt aus, wie sich das städtische Imagebeauftragte wünschen.

Auf gar keinen Fall den Ausgang drei nehmen!, sagt er. „Das ist das Tor zur Hölle!“ Er zwinkert. Er sitzt am Eurovision-Welcome-Desk. Nachtschicht. Sein Job ist es, Eurovisionstouristen das gute Gefühl zu geben, dass sie in der richtigen Stadt gelandet sind. Und sie davor zu bewahren, in die Fänge jener inoffiziellen Taxifahrer zu geraten, die hinter Tor Drei warten, Dollarzeichen in den roten Äuglein, Teufelshörner auf dem Kopf, heiser lachend. Ich will nicht in die Hölle, noch nicht, nicht heute.

Polizeischutz? Ja, aber diskret. Quelle: Imre Grimm

In Israel wird mit Schekel gezahlt

An Tor Zwei stehen die Guten. Die Offiziellen. „Zahle bloß nicht mehr als 158 Schekel“, sagt ein junger Mann in gelber Warnweste. Es ist, als hätten sie sich hier alle vorgenommen, mich irgendwie zu retten. Sie zwinkern alle. Nur die israelische Einwanderungsbeamtin in ihrer Box hat nicht gezwinkert. Sie muss die wahrscheinlich schönste Einwanderungesbeamtin der Welt sein. Bei jedem „International Immigration Officer Beauty Contest“ wäre sie weit vorn. Und sie weiß es.

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158 Schekel also - knapp 40 Euro. Die israelische Währung „Schekel“ klingt für meine nichtsnutzigen Ohren immer ein bisschen, als würde man mit Knöpfen oder Murmeln bezahlen. Nach gichtigen alten Männlein, die dich im Hexenwald kichernd in den Bauchnabel pieksen. „Naaaa? Hast du nicht noch ein paar Schekelchen für den alten Jossip?“

Bis 1980 galt in Israel das Israelische Pfund

Fun Fact: Der Schekel ist benannt nach einer antiken Silbermünze aus alter babylonischer, phönizischer und hebräischer Zeit. In der Bibel kauft Abraham „für 400 Schekel“ eine Parzelle Land zur Beerdigung seiner Frau. Heute wären das etwa 100 Euro. Dafür bekommt niemand seine Frau unter die Erde. Bis 1980 galt in Israel das Israelische Pfund, auch „Lirot“ genannt, das 1:1 an das britische Pfund gebunden war. Doch der nichthebräische Name löste eine Debatte aus, an deren Ende der Finanzminister den Auftrag erhielt, einen hebräischen Namen für die Landeswährung zu finden. Ab 1980 galt deshalb der Schekel. Zehn Pfund wurden in einen Schekel umgetauscht. Doch die Inflation raste, und schon 1985 musste man drei Nullen streichen. Der Neue Israelische Schekel war geboren. Aber Euro geht auch. Oder Dollar. Hier geht alles.

Es ist nicht nur die coolste Stadt des Nahen Ostens, es ist auch die veganste. Und die schwulste. In Tel Aviv gibt es aktuell 400 vegane Restaurants. Und jeder fünfte Einwohner soll homosexuell sein. Bei den Journalisten des Eurovision Song Contest sind es knapp 100 Prozent. Das hat nichts miteinander zu tun, aber als heterosexueller Fleischesser kann man sich hier gelegentlich etwas einsam fühlen.

Politik, Party, Religion und Essen - die vier Grundpfeiler, auf denen Tel Aviv ruht

Politik, Party, Religion und Essen - das sind die vier Grundpfeiler, auf denen Tel Aviv ruht. Früher oder später landet jedes Gespräch genau da. „Politik ist nicht so meins“, sagt Aaron, ESC-Helfer. Um nach 30 Sekunden Smalltalk dann doch gleich mal den Nahostkonflikt zu besprechen. „Israel gibt es seit 71 Jahren. Die kriegen uns hier nicht weg.“ Also zwei Staaten? „Würde nichts bringen. Das sieht man ja am Gazastreifen. Das gäbe nur Krieg.“ Politik sei aber nicht so seins. Kaffee?

RND-Redakteur Imre Grimm berichtet live vom ESC 2019. Quelle: Imre Grimm

Im Pressezentrum malen sie die Gesichter von ESC-Kandidaten mit Kakaopulver auf den Cappuccino. Wahnsinn, zu was die Menschheit inzwischen in der Lage ist. Ich wähle das Gesicht von Luca Hänni, dem Schweizer Kandidaten. Lange galt er als Favorit. Das war, als sich vor allem die ESC-Hardcoregemeinde an den Wetten beteiligte. Inzwischen sortiert sich das Feld: Holland, Schweden, Australien und Russland sind vorn. Und Deutschland: Nun ja. Platz 28 von 41 Ländern. Die S!sters Carlotta & Laurita haben die Altstadt besucht, viele nette Dinge über Tel Aviv gesagt und bisher alles richtig gemacht. Ein Momentum aber, eine kleine Welle, haben sie bisher nicht erzeugt. So ehrlich muss man sein, auch wenn auf meinem Presseausweis „Team Germany“ steht. Was ein bisschen klingt, als sei man als ESC-Journalist automatisch „embedded“ und parteiisch. Wobei die Grenzen zwischen Berichterstatter und Bewunderer beim ESC traditionell fließend sind. Keine Pressekonferenz ohne devote Quatschfragen und Ehrerbietungen („Hi! I am a blogger from Malta. What a wonderful performance! Are you exited to be here?“).

Sicherheit: ein überraschend unaufgeregtes Thema in Tel Aviv

Und die Sicherheit? Es ist ein überraschend unaufgeregtes Thema in der Stadt. Keine Soldaten mit Maschinenpistolen. Weniger sichtbare Polizei als zuletzt beim ESC in Istanbul, Baku oder Kiew. Das läuft hier dezenter ab. Das sind Profis. Israel will nicht, dass die Welt Tel Aviv als Festung erlebt. Party unter Polizeischutz? Ja, das schon. Aber man soll es bitte nicht spüren.

Und die Show? Supermodel und Mitmoderatorin Bar Refaeli (33) hat pünktlich zum Eurovision Song Contest eine schlechte Nachricht erhalten: Sie muss wegen Steuerhinterziehung zwei Millionen Euro nachzahlen. Das Honorar für den ESC dürfte sie also gleich an die Behörden durchreichen. Tja, C‘est la vie. Oder wie Leute mit eingeschränkter Humorfunktion sagen: Tel Aviv.

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Von Imre Grimm/RND

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