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20:03 23.03.2018
Noch glauben meine Kinder, ich wisse alles, könne alles und würde die Welt regieren. Ein Zustand, den zu ändern ich keinen Anlass sehe. Quelle: Fotolia
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Hannover

Der Tag wird kommen, an dem wird mich ein missmutiger, schlunziger Riesenteenager mit der Körperspannung einer alten Tennissocke ansehen wie etwas sehr Altes, Verbrauchtes, nach Tod und Verfall Riechendes.

Auch meine Kinder werden zu der Überzeugung gelangen, dass das Wissen und die Macht ihres universalgelehrten Vaters, der da drüben auf dem Sofa schnarcht, entgegen allen Wahrscheinlichkeiten doch Grenzen haben. Aber noch glauben sie, ich wisse alles, könne alles und würde die Welt regieren. Ein Zustand, den zu ändern ich keinen Anlass sehe.

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Papa regelt das schon

“Papa“, fragte neulich mein Sohn. “Wenn wir ins Stadion zum Fußball gehen, kann ich dann mit den Spielern einlaufen?“ – “Ähm, also, ich weiß nicht genau, wer das entscheidet ...“ – “Kannst du nicht bei 96 anrufen und denen das sagen?“

Diese unerschütterliche Gewissheit, dass der Papa das regelt, rührte mein Vaterherz. Lass das mal den Papa machen. Der weiß, wie das geht. Der ruft kurz bei dem Herrn Fußball an, und dann sagt der dem das und dann klappt das.

Ich hätte ihm gern klargemacht, dass sein Papa nicht mal in der Lage ist, an der Hotline von Vodafone zu einem lebenden Menschen durchzudringen. Dass ich es nicht schaffe, einen normalen Schnürsenkel zu binden. Dass ich nicht weiß, wie ein Vergaser funktioniert, was Vorzugsaktien von Stammaktien unterscheidet oder warum Milch aus der Kuh kommt.

Nur nichts überstürzen

Dass mindestens 98 Prozent der Dinge, die derzeit auf der Welt passieren, meine Deutungskompetenz übersteigen. Dass Hannover 96 derzeit andere Sorgen hat als die Frage, wer wann mit wem einläuft. Dass ich ihm wünsche, dass die Frage, ob er an der Hand eines Bundesligaspielers ins Stadion einlaufen darf, die existenziellste und schwierigste Frage sein möge, die ihm das Leben jemals stellt.

Und dass die Zeit kommen wird, in der sich auch sein alter Vater fühlen wird wie ein wütender Mann mit einer Gabel in einer Welt voller Suppe.

Aber ich schwieg, nahm ihn an der Hand und lief mit ihm gemeinsam in die Küche ein, zum Abendbrot. “Ich ruf da mal an“, sagte ich. “Ich sage denen das.“ Man soll in der Erziehung nichts überstürzen. Schönes Wochenende!

Von Imre Grimm

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