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Panorama Abgeordnete machen Counterstrike salonfähig
Nachrichten Panorama Abgeordnete machen Counterstrike salonfähig
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20:40 24.02.2011
Die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) spielt im Bundestagsgebäude in Berlin mit der „Playstation Move“.
Die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) spielt im Bundestagsgebäude in Berlin mit der „Playstation Move“. Quelle: dpa
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Streng mahnt die Software den Abgeordneten: „Sei vorsichtig, du hast Dreck am Reifen!“ Der FDP-Politiker Manuel Höferlin rechtfertigt sich: „Der hat mich abgedrängt!“ Am Ende aber ist er zufrieden: „Wir haben viele verschiedene Spiele ausprobiert und sind darüber ins Gespräch gekommen.“ Rund 50 Bundestagsabgeordnete folgten der Einladung zum ersten „Politiker-LAN“ im Berliner Reichstagsgebäude. Zusammen mit seinen Kollegen Jimmy Schulz (FDP) und Dorothee Bär (CSU) wollte Höferlin so einen Beitrag leisten zu „einer sachlichen, vorurteilsfreien Debatte über ein Thema, das Kinder und Jugendliche in ihrer direkten Lebenswelt betrifft“.

Viele leidenschaftliche Computerspieler fühlen sich von Politik und Medien stigmatisiert. Nach einer Bluttat wie dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 wird stets gefragt, ob der Täter schon mal mit einem Egoshooter gespielt hat - diese Art von Computerspielen vermittelt eine realitätsnahe Perspektive, selbst durch Gänge und Räume zu laufen und dabei auf virtuelle Gegner zu schießen.

In der Fraktionsebene des Reichstags wird nur gedämpft geballert. Die Lautsprecher sind leiser gestellt als auf einer gewöhnlichen LAN-Party, auf der die Teilnehmer an miteinander vernetzten Computern gegeneinander antreten.

Wie das geht, zeigen den Abgeordneten Profispieler wie Fabian Riegsinger, der beim Online-Shooter Counterstrike in der Electronic Sports League (ESL) um Ruhm und Geldpreise kämpft. Die LAN-Party im Bundestag findet der 21-jährige Student aus Friedberg in Hessen sehr gut: „Wir haben als Spieler sonst kaum eine Chance, den Politikern zu zeigen, dass sie ihre Meinung überdenken sollten.“

Allerdings blieben Hardliner wie der Abgeordnete Hans-Peter Uhl (CSU) der Veranstaltung am Mittwochabend fern. Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Innenpolitik in der CDU/CSU-Fraktion hatte nach dem Amoklauf von Winnenden „geeignete Maßnahmen des Jugendschutzes“ gefordert. Denn dort habe sich erneut gezeigt, „dass der Täter im Vorfeld seiner Tat sich intensiv mit sogenannten Killerspielen“ wie Counterstrike beschäftigt habe.

Das macht allerdings auch MdB Sebastian Blumenthal (FDP): „Ich spiele privat gern Egoshooter wie Counterstrike“, sagt der Politiker im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Verleiten diese Spiele zu Gewalt? Das sehe ich nicht so.“ Die Ursachen von Gewalt seien vielmehr in einem Bündel von sozialen Problemen zu suchen. Auf dem Politiker-LAN interessierte sich Blumenthal vor allem für „Serious Games“ wie einen Titel mit therapeutischem Anspruch zur Unterstützung von Kindern mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS).

In kaum einem Land seien Computerspiele so umstritten wie in Deutschland, klagte während der Veranstaltung der Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), Olaf Wolters. „Vorurteile beruhen auf Unkenntnis und mangelnder Erfahrung. Genau hier setzt die dankenswerte Initiative der Abgeordneten an.“ Wie auf anderen LAN-Partys sind Unternehmen der Branche auch auf dem Politiker-LAN präsent - Computerspiele sind ein Milliardengeschäft. Höferlin betont aber im Gespräch mit dpa: „Wir machen uns nicht zu Lobbyisten.“ Es gehe darum, den Kollegen das Erleben der Spiele zu ermöglichen. „Es ist an der Zeit, das einmal aus der Nähe gesehen zu haben.“

Gut haben es da Politiker, die wie die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) schon ein wenig Nachhilfe in der Familie nehmen konnten: „Mit meinem Neffen habe ich schon die „Siedler“ gespielt, das finde ich gut.“ Eine gute Figur machte sie beim virtuellen Tennis an der Spielkonsole. Nur beim Autorennen hatte auch die Sozialdemokratin Probleme: „Da ist mir richtig schlecht geworden. Das muss ich nicht nochmal machen.“

dpa