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Panorama Archäologen legen die ältesten Mauern des Hildesheimer Doms frei
Nachrichten Panorama Archäologen legen die ältesten Mauern des Hildesheimer Doms frei
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20:29 27.04.2010
Der Archäologe Helmut Brandorf zeigt auf die Fundamente des Ostchors.
Der Archäologe Helmut Brandorf zeigt auf die Fundamente des Ostchors. Quelle: Bistum
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Das Loch ist nur 2,40 Meter tief, doch wer hineinblickt, schaut 1200 Jahre weit in die Vergangenheit zurück – in jene Zeit, als sich hier die ersten Christen des Sachsenlandes zu ihren Gottesdiensten versammelten. „Diese Steine sind aus der Zeit Ludwigs des Frommen um 815 nach Christus“, sagt Helmut Brandorff. Der Archäologe steht in der Grube und klopft auf die freigelegten Fundamente des Ostchors. Um ihn herum stecken Steine und Fundamentreste im Erdreich, eine Vertiefung im Grubengrund zeugt von einem Jahrhunderte alten Grab. Stahlstreben stützen die Grube ab, und durch die Luft verläuft ein orangfarbenes Abwasserrohr, vermutlich spätes 20. Jahrhundert.

Seit August graben Brandorff und seine Kollegen auf historischem Terrain; gleich neben dem berühmten „Tausendjährigen Rosenstock“ im Kreuzgang des Hildesheimer Doms. Dieser ist derzeit geschlossen, weil er im großen Stil saniert wird. „Wir hoffen, dass wir 2014 oder 2015 fertig sind“, sagt Domdechant Hans-Georg Koitz. Für Forscher ist der Umbau eine einmalige Chance: Der Dom zählt zum ehrwürdigsten Kulturerbe des Landes. Im Erdreich vor seinen Mauern lesen Archäologen wie in einem Geschichtsbuch, das jetzt für eine begrenzte Zeit aufgeschlagen ist.

Zuletzt hatte sich dieses nach den Kriegszerstörungen geöffnet: Der junge Kunstgeschichtsstudent Joseph Bohland nutzte 1946 die Gelegenheit zu Ausgrabungen vor dem Ostchor. Zum Erstaunen der Fachwelt wollte er damals Spuren einer Rundkapelle entdeckt haben, die noch aus der Zeit vor der Bistumsgründung 815 n. Chr. stammen sollte. Jetzt liegen einige der Steine wieder frei – und diese These ist wohl endgültig vom Tisch. „Die Steine sind eindeutig Teil des Dombaus von Bischof Altfried“, sagt Diözesankonservator Karl Bernhard Kruse – sie stammen also aus der Mitte des 9. Jahrhunderts.

Die Grabungsstätte ist einer der schönsten und ältesten Friedhöfe des Landes – und einer der exklusivsten. Hier, im Kreuzgang am Rosenstock, bestattet das Bistum seine Domkapitulare. Um an die Baureste zu kommen, mussten sich die Archäologen erst einmal durch Gräber in die Tiefe vorarbeiten. Die Skelette, auf die sie dabei stießen, werden derzeit von Anthropologen der Universität Hildesheim untersucht; außerdem kamen Kruzifixe und Sargbeschläge aus der Barockzeit ans Licht. Das Bistum lässt sich die Grabung 300 000 Euro kosten, das Land steuert weitere 150 000 bei. Im Lichte neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse verblassen freilich alte Mythen: Der Legende nach verlor Ludwig der Fromme einst mitten in der Wildnis ein Silbergefäß mit Marienreliquien. Als man es wiederfand, ließ es sich nicht mehr von einem Rosenstrauch lösen. Das Wunder bewegte den frommen Ludwig, hier eine Kirche zu bauen. Die archäologischen Funde nähren jetzt Zweifel an der Geschichte. „Wir haben Keramik aus früherer Zeit gefunden – die Stelle war wohl längst besiedelt, als Ludwig kam“, sagt Grabungsleiter Brandorff. Zu Zeiten von Bischof Altfried und seinen Nachfolgern – auch das zeigen die freigelegten Mauerreste – befand sich östlich des heutigen Ostchors außerdem eine Kapelle. Wäre der Tausendjährige Rosenstock, der dort sprießt, tatsächlich 1000 Jahre alt, hätte er damals also mitten in einem Gebäude wachsen müssen. „Doch uralt und ehrwürdig bleibt er natürlich trotzdem“, sagt Diözesankonservator Kruse eilig. Denn solange dieser Rosenstock blüht, floriert auch das Bistum, heißt es. Und manchmal schaffen solche Mythen ja ihre eigene Realität.

Am Sonntag, 14.30 bis 17 Uhr, geben die Ausgräber Besuchern im Kreuzgang Einblicke in ihre Arbeit.